Kammern des Schreckens

Sonntag, 1. Dezember 2013

Tiefsinnige Unterhaltung - nicht nur für alte Hemingway-Hasen!


Ernest Hemingway: Neues vom Festland


Buchdeckel „Neues vom Festland“Ich lese nie gerne den Klappentext, bevor ich mit einem Buch anfange, aber bei Geschichtensammlungen macht das nichts, denn von dem Inhalt jeder Kurzgeschichte wird schon nichts verraten. „Neues vom Festland“, übrigens übernommen von einer Kurzgeschichte mit demselben Namen, wird hier als „kostbare Novität für deutsche Hemingway-Leser“ angepriesen. Man bezieht sich auf John Updike, der Hemingways Sprache „so rein […] wie die Luft der Morgendämmerung“ fand. Für Fans nichts Neues (vom Festland, kleiner Scherz).

Ich muss zugeben, dass ich Hemingway zwar mag, aber noch längst nicht genug von ihm gelesen habe, um eine richtige Expertenmeinung vom Stapel zu lassen.
Zu dem Inhalt lässt sich nicht leicht etwas sagen, denn es handelt sich hierbei um eine Sammlung bisher unveröffentlichter Kurzgeschichten und Szenen aus unvollendeten Romanen. Bei Hemingway ist es ja auch so, dass man eigentlich nichts verraten will. Man weiß ja auch beim Lesen erst wirklich am Ende, worum es eigentlich geht – und ob man das dann wirklich so genau weiß, ist wieder etwas Anderes. Wenn einen dann tatsächlich eine Geschichte nicht gefällt, kann man es ja immer noch mit der nächsten versuchen. Das halte ich aber für unwahrscheinlich.
Besonders gefallen hat mir die Kurzgeschichte „Eine Bahnfahrt“, die schon am scheinbar unscheinbaren Titel erkennen lässt, dass man sich auf Überraschungen gefasst machen sollte. Vater und Sohn sind auf Reisen und beobachten, mit wem sie Bahn fahren und was um sie herum geschieht. Ich verrate nichts weiter darüber.
Den meisten Raum besetzt (schönerweise) „Fremdes Land“, vier Kapitel eines unvollendeten Romans, welcher als Vorstudie zu dem erst 1970 veröffentlichten „Inseln im Strom“ gilt und von Hemingway gestrichen worden ist. Der Protagonist reist mit einer Frau und spiegelt den Autor in seinem Verhältnis zu solchen wieder, aber auch in seiner Liebe zu Autos und Natur und Alkohol. Man hat ein Gefühl von Heimatlosigkeit. Und man könnte daran verzweifeln, nicht genau zu wissen, warum und wohin und woher … Ist klar, was ich meine? Jedenfalls gibt es da ein besonders interessantes Gespräch zwischen Robert und seinem Gewissen, in welchem Robert meint:Ich weiß, dass Gewissen in Kursivschrift reden, aber manchmal scheinst du mir in sehr fetter Fraktur zu sprechen. Solche Kleinigkeiten sind es, die das Lesen abwechslungsreich machen.
Wie es bei Hemingway wunderbarerweise so ist, ist es eigentlich ein Verbrechen, das Buch in einem Rutsch zu lesen. Nach jeder Kurzgeschichte und auch nach den unvollendeten Geschichten bleibt eine gewisse Leere in einem, die mit Nachdenken über das Gelesene gefüllt werden muss. Ich finde, das schuldet man ihnen. Und ich schulde meinem Freund was, weil er mir so ein tolles Buch geschenkt hat!
Zusammenfassend lässt sich mit feierlicher Miene sagen, dass ich mit diesem kleinen Buch tatsächlich eine Kostbarkeit in den Händen zu halten glaube. Wahre Hemingway-Experten mögen mich verspotten; wohl kaum kann ich mir das Recht herausnehmen, irgendwelche Strukturen so zu analysieren, dass ich Rückschlüsse zu dem Autor oder sonst etwas ziehen könnte. Aber bald! Ich für meinen Teil werde wohl öfter zu diesen Seiten greifen. Es lohnt sich, sie immer wieder zu lesen. Und bald werde ich Hemingway-Experte sein und diese Rezension lesen und mich selbst verspotten!

Fazit: Man braucht kein Experte zu sein, um sich mit diesem Band hervorragend und tiefsinnig zu unterhalten!

(Quelle: rowohlt)