Kammern des Schreckens

Donnerstag, 26. Dezember 2013

Ohne Worte

Hannah Harrington: Speechless [sprachlos]



Jeder weiß: Chelsea Knot ist ein Tratschmaul. Oberkellnerin der Gerüchteküche. Sie kann einfach ihren Mund nicht halten. Eines Nachts hat diese Eigenschaft fürchterliche Konsequenzen, und Chelsea beschließt, etwas zu ändern. Inspiriert von einem Artikel im National Geographic stellt sie sich vor eine für sie unfassbar anspruchsvolle Aufgabe: sie legt ein Schweigegelübde ab.

Hannah Harrington hat mir mit diesem Roman ein paar wundervolle Stunden bereitet. Allein mit den Fingern über das Cover zu streichen ist ein Genuss! Mich fasziniert die schlichte Eleganz der Aufmachung, dieses amerikanisch anmutende Buchrücken-Design, das ganze Drumherum eben. Nachdem ich die Rezension geschrieben habe, kommt es endlich in mein Regal und wird es allein durch seine Anwesenheit dermaßen aufhübschen, dass ich mich schon darauf freue.
Beim Lesen hatte ich jedoch immer einen Kugelschreiber in der Nähe, mit welchem ich manche Rechtschreibfehler korrigiert habe, weil ich es nicht mehr aushielt. Klar kann man mich neurotisch nennen, aber ich kann es einfach nicht haben, wenn zum Beispiel "ihn" mit "in" verwechselt wird - das sind so Flüchtigkeitsfehler, die passieren können, wenn man sich etwas nicht noch einmal durchliest, aber in einem so schönen und mühevoll gestalteten Roman darf das nicht sein, finde ich. Weil ich mir den Satz dann nämlich tausendmal durchlesen muss. Als hätte sich ein kleiner Kobold zwischen den Lettern versteckt.


In den ersten paar Minuten war ich leicht enttäuscht. Chelsea und ihre Freundinnen waren mir zuwider, der Schreibstil war mir zu oberflächlich, das Ganze schien mir "auf Jugendbuch gemacht". Das heißt, ich sah schon alle möglichen Ami-Jugendbuch-High-School-Klischees chronologisch nacheinander auftauchen. Ob gewollt oder nicht, diese Eigenschaft des Romans hat einen förderlichen Effekt: Die haushohe Erwartungshaltung wurde gedämmt, um sie später nur umso stärker zu übertreffen. 

Ich finde es übrigens spannend, wie weit die Meinungen über Jugendbuch-Klischees bei den Leserunden auseinandergehen. Anscheinend finden Leser fern des Jugendalters Klischees weniger nervtötend als Leser, die wirklich Jugendliche sind (also ich). Man fühlt sich vielleicht als Teenager einfach in eine Schublade gesteckt, was älteren Bücherwürmern nicht passieren kann. Vielleicht wollen sie auch in diese Schublade gesteckt werden, um sich daran zu erinnern, wie sich das Leben als Jugendlicher angefühlt hat. Ach, ich weiß auch nicht! Ich kann ja nicht in die Köpfe der anderen Teilnehmer hineinspähen, selbst wenn ich manchmal so tue, als könnte ich es.


Kommen wir jedoch zurück zum Schreibstil und dessen Veränderung.
Das ist das Interessante an Speechless: Der Beginn ist oberflächlich und abgedroschen, so wie Chelsea, weil sie wie ihre Freundin Kristen ist, die man einfach nicht mögen kann. Dann wundert man sich über die Protagonistin, weil sie doch speziell zu sein scheint. Doch ein eigenständiger Mensch. Und man wird mitgerissen von der Sympathie ihrer neuen Freunde, die wirklich toll sind. Man wird auch mitgerissen von dem Hass, der ihr entgegenschlägt. Von der Wut auf die, die dafür verantwortlich sind. Und obwohl man vieles vorhersehen kann, kann man sich dem Ganzen nicht entreißen. Ich habe mir das Ende sehr spektakulär vorgestellt, wusste aber selber nicht, wie Harrington das hätte bewerkstelligen können. Mir hat es trotzdem sehr gefallen und ich habe dem Cover sogar einen Kuss gegeben, nachdem ich das Buch letztlich zugeschlagen habe. Das mache ich nur selten. Und es klingt in meinen Ohren irgendwie freakiger, als ich es eigentlich meine.


Dieses Werk ist wie eine Rebellion gegen diese schrecklichen Teenies, die anderen das Leben zur Hölle machen, weil sie meinen, sie wären besser. Diese Menschen gibt es überall, nicht nur in Amerika. Eigentlich sind sie immer bloß lächerlich, aber oft auch grausam. Man kann eigentlich nur den Kopf über sie schütteln, aber was, wenn man irgendwie in diese Gruppe hineinwächst? Wie ein gutartiger Tumor in einem bösartigen Organismus?
Was darf man von sich selbst preisgeben? Welche Meinung darf man selbst vertreten? Wem darf man trauen? Was ist wirklich wichtig im Leben? Und zu guter Letzt, die typische Frage werdender Erwachsener: Wer bin ich eigentlich selbst? 

Dieser Roman könnte einigen Kindern einiges beibringen. Da bin ich mir sehr sicher! Ich würde es deshalb auch als Unterrichtslektüre etwa im 8. Schuljahr empfehlen.


Fazit: Ein überraschend kitschloser Roman, der exemplarisch darstellt, dass es möglich ist, zu sich selbst zu finden. Egal, wie alt man ist.


Die Leserunde zu Speechless, an der ich teilgenommen habe, findet ihr hier.

(Quelle: MIRA-Taschenbuch)