Kammern des Schreckens

Montag, 16. Dezember 2013

Kranke Weiber!

Colette McBeth: Zorneskalt





Als von Rachel Walsh eine Reportage erwartet wird, in der es um eine vermisste Frau geht, kann sie sich auf folgenden Schock nicht vorbereiten: Bei der Vermissten handelt es sich um ihre beste Freundin. Clara. Vor der Rachel Angst zu haben beginnt - denn sie scheint hinter ihr her zu sein.




Als ich mich für die Teilnahme an der Leserunde zu Zorneskalt bewarb, musste ich meine Meinung darüber darlegen, unter welchen Umständen aus Freundschaft Hass werden könnte. Ich war irritiert und gleichermaßen davon überzeugt, aus wahrer Freundschaft könne sich Hass niemals entwickeln.
Ich sprach auch über Konflikte der Instanzen, also über psychoanalytisches Zeug, aber trotzdem behielt ich meinen Glauben an das Gute im Menschen und an dessen Definition von echter Freundschaft. In Zorneskalt geht es um so eine Freundschaft, in der sich beide Emotionsextreme abwechseln, so oft, wie andere Leute es mit ihren Unterhosen machen. 



Ich muss zugeben, dass ich mich beim Lesen schon darauf freute, folgenden Satz in der Rezension verwenden zu können: „Die Handlung war so vorhersehbar, gerade weil die Autorin krampfhaft versucht hat, möglichst viele Schocker einzubauen – ich wusste einfach von Anfang an, was am Ende passieren würde.“ Wie gerne hätte ich mit meinem detektivischen Gespür angegeben! 

Ich habe mich dieses Satzes jetzt trotzdem bedient. Ha! Ausgetrickst.
McBeth – der Name gefällt mir – hat den Leser auf clevere Art und Weise in dem Glauben gelassen, er hätte alle Geheimnisse des Thrillers bereits gelüftet. Das bringt jenen natürlich dazu, Bestätigung zu suchen in der Auflösung, die dann eben so verlaufen würde, wie er es sich gedacht hat. Nichts da! Ja, manch ein Hinweis auf die Wahrheit wird recht früh gegeben, ohne dass dafür eine zweite Lektüre notwendig ist. Aber das steigert auch das Interesse an der Folgehandlung. Wenn man nämlich nur Bahnhof versteht und sich nicht als Insider fühlt, besteht das Risiko, dass man die Lust am Lesen verliert. Ahnungen sind es, die Spannung erzeugen. McBeth scheint das ganz genau zu wissen.
Und selbst wenn man irgendwann glaubt, die ganze Wahrheit verstanden zu haben und das Geschehen, das Verbrechen genau rekonstruieren zu können, wird man doch überrascht. Und zwar gänzlich! Überrascht ist sogar noch untertrieben formuliert.


Das Cover veranschaulicht das Phänomen des Zornes, der die tiefsitzende, bösartige Kälte in dem Menschen an die Oberfläche schleifen kann, und blind machen für rationale Gedanken. Zudem passt es perfekt zur Atmosphäre der Handlung, die im Winter spielt. Man glaubt beim Lesen beinahe, selbst zu frieren.



Es wird aus Rachels (Ich-)Perspektive erzählt, wobei diese stets Clara adressiert. Die wirkliche Erzählsituation wird erst später aufgedeckt, deswegen werde ich sie an dieser Stelle vorenthalten. Dass aus Rachels Perspektive erzählt wird, eröffnet dieser einige Möglichkeiten zur Manipulation des Lesers und der adressierten. Zudem führt es bekanntlich zu einer starken Identifikation mit der Protagonistin, welche den Effekt der Überraschung erhöht. Und – noch wichtiger – versteckt Fakten vor dem Leser, der sich sicher fühlt, weil er auf der guten Seite ist.

Häufige Erinnerungssprünge, mal schemenhaft, mal erschreckend detailliert, verdeutlichen Rachels psychische Kondition, liefern undeutliche Hinweise, emotionale Traumata. Man fühlt vollkommene Empathie mit dem vermeintlichen Opfer. 



Mit ihrem Debüt hat die Autorin es geschafft, Erwartungen zu Anfang möglichst niedrig zu halten, um diese am Ende voll und ganz zu übertreffen. 


Und ich kann nun erleichtert behaupten, von Anfang an recht gehabt zu haben: 

Normalerweise artet echte Freundschaft nicht in Hass aus. Normalerweise. Clara und Rachel sind ja keineswegs normal. Unter Psychos ist alles möglich.


Fazit: Ein gelungenes Debüt, welches die Kraft der weiblichen Manipulation spüren lässt! Jeder kann ihr Opfer werden.

Mehr zum Thriller findet ihr hier.

(Quelle: randomhouse)