Colette McBeth: Zorneskalt

Als ich mich für die Teilnahme an der Leserunde zu Zorneskalt bewarb, musste ich meine Meinung darüber darlegen, unter welchen Umständen aus Freundschaft Hass werden könnte. Ich war irritiert und gleichermaßen davon überzeugt, aus wahrer Freundschaft könne sich Hass niemals entwickeln.
Ich sprach auch über Konflikte der
Instanzen, also über psychoanalytisches Zeug, aber trotzdem behielt
ich meinen Glauben an das Gute im Menschen und an dessen Definition
von echter Freundschaft. In Zorneskalt geht es um so eine
Freundschaft, in der sich beide Emotionsextreme abwechseln, so oft,
wie andere Leute es mit ihren Unterhosen machen.
Ich muss
zugeben, dass ich mich beim Lesen schon darauf freute, folgenden Satz
in der Rezension verwenden zu können: „Die Handlung war so
vorhersehbar, gerade weil die Autorin krampfhaft versucht hat,
möglichst viele Schocker einzubauen – ich wusste einfach von
Anfang an, was am Ende passieren würde.“ Wie gerne hätte ich mit
meinem detektivischen Gespür angegeben!
Ich habe mich dieses
Satzes jetzt trotzdem bedient. Ha! Ausgetrickst.
McBeth –
der Name gefällt mir – hat den Leser auf clevere Art und Weise in
dem Glauben gelassen, er hätte alle Geheimnisse des Thrillers
bereits gelüftet. Das bringt jenen natürlich dazu, Bestätigung zu
suchen in der Auflösung, die dann eben so verlaufen würde, wie er
es sich gedacht hat. Nichts da! Ja, manch ein Hinweis auf die
Wahrheit wird recht früh gegeben, ohne dass dafür eine zweite
Lektüre notwendig ist. Aber das steigert auch das Interesse an der
Folgehandlung. Wenn man nämlich nur Bahnhof versteht und sich nicht als
Insider fühlt, besteht das Risiko, dass man die Lust am Lesen
verliert. Ahnungen sind es, die Spannung erzeugen. McBeth scheint das ganz genau zu wissen.
Und selbst wenn
man irgendwann glaubt, die ganze Wahrheit verstanden zu haben und das
Geschehen, das Verbrechen genau rekonstruieren zu können, wird man
doch überrascht. Und zwar gänzlich! Überrascht ist sogar noch
untertrieben formuliert.
Das Cover veranschaulicht das Phänomen
des Zornes, der die tiefsitzende, bösartige Kälte in dem Menschen
an die Oberfläche schleifen kann, und blind machen für rationale
Gedanken. Zudem passt es perfekt zur Atmosphäre der Handlung, die im
Winter spielt. Man glaubt beim Lesen beinahe, selbst zu frieren.
Es
wird aus Rachels (Ich-)Perspektive erzählt, wobei diese stets Clara
adressiert. Die wirkliche Erzählsituation wird erst später
aufgedeckt, deswegen werde ich sie an dieser Stelle vorenthalten.
Dass aus Rachels Perspektive erzählt wird, eröffnet dieser einige
Möglichkeiten zur Manipulation des Lesers und der adressierten.
Zudem führt es bekanntlich zu einer starken Identifikation mit der
Protagonistin, welche den Effekt der Überraschung erhöht. Und –
noch wichtiger – versteckt Fakten vor dem Leser, der sich sicher
fühlt, weil er auf der guten Seite ist.
Häufige
Erinnerungssprünge, mal schemenhaft, mal erschreckend detailliert,
verdeutlichen Rachels psychische Kondition, liefern undeutliche
Hinweise, emotionale Traumata. Man fühlt vollkommene Empathie mit
dem vermeintlichen Opfer.
Mit ihrem Debüt hat die Autorin es
geschafft, Erwartungen zu Anfang möglichst niedrig zu halten, um
diese am Ende voll und ganz zu übertreffen.
Und ich kann nun
erleichtert behaupten, von Anfang an recht gehabt zu haben:
Normalerweise artet echte Freundschaft nicht in Hass aus.
Normalerweise. Clara und Rachel sind ja keineswegs normal. Unter
Psychos ist alles möglich.
Fazit: Ein gelungenes Debüt, welches die Kraft der weiblichen Manipulation spüren lässt! Jeder kann ihr Opfer werden.
Mehr zum Thriller findet ihr hier.
(Quelle: randomhouse)
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