Kammern des Schreckens

Samstag, 7. Dezember 2013

Außergewöhnlich ♥

Whitney Otto: Das allmähliche Verschwinden der Kiki Shaw 


           Kiki Shaw ist Fernsehredakteurin für eine Gameshow - sie erstellt Fragen. Von daher ist es gewohnt, Themen zu analysieren.  Kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag beginnt sie, sich selbst Fragen zu stellen: Wer bin ich? Was habe ich erreicht? Was will ich mehr? Zudem merkt sie, dass sie immer transparenter wird, immer mehr verschwindet ... Wenn sie in den Spiegel sieht, kann sie durch ihr Gesicht hindurch die Kacheln der Wand sehen; Kollegen bemerken gar nicht, dass sie im Büro sitzt, eine Katze läuft durch ihren Fuß hindurch. Außerdem erinnert sie sich zunehmend an Lebensgeschichten anderer Leute und macht sich Gedanken über ihre eigene Bedeutung in diesen. 


Lesegefühl: Schweben wie auf Wolken


Ich habe gegoogelt, und kaum etwas über diesen wundervollen Roman gefunden - er scheint eher unbekannt zu sein. Das kann ich gar nicht nachvollziehen, denn ich für meinen Teil finde ihn genial. Vom ersten Satz an fesselt er einen (jedenfalls mich):
 „In den Wochen vor ihrem vierzigsten Geburtstag machte Kiki Shaw die beunruhigende Entdeckung, dass sie allmählich verschwand. Das war das eine.“
Und der Schreibstil bleibt fesselnd, bleibt eine erzählerische Meisterleistung. Whitney Otto dichtet sich nämlich leicht und zart eine Geschichte zusammen, die voller Metaphern ist, voller Zauber und sogleich voll von Realität. Ich war so sehr überwältigt von dem schlichten Zauber der Worte, dass ich zwar manchmal nicht sofort begriff, wozu Otto ein Gleichnis erschuf, aber tief im Innern spürte, dass ich verstand.
Man muss nicht in den Vierzigern sein, um sich in Kiki Shaw hineinzuversetzen. Vielleicht hilft es, eine Frau zu sein. Und wenn nicht, schreibt die Autorin so humorvoll, dass man trotzdem nicht aufhören kann, zu lesen - und sich trotzdem auch Jahre später noch an diesen Roman erinnert.

Der Roman wurde 1997 vom Fischer-Verlag veröffentlicht (und auch irgendwann von Lübbe) und ich habe ihn beim Stöbern in den ungelesenen Büchern meiner Mutter gefunden. Wenn ich auf die Homepage des Verlags gehe, finde ich den Roman nicht einmal mehr. Auch nicht bei wasliestdu du Co. Bei lovelybooks habe ich nur die Version des Lübbe-Verlags gefunden.

Ich wurde jedenfalls direkt von dem ungewöhnlichen Titel gefangen genommen und nicht mehr losgelassen, bis ich alle 368 Seiten mit Genuss gelesen hatte. Ich frage mich die ganze Zeit, wie es sein kann, dass meine Mutter es so lange hatte und doch nie mit dem Lesen anfing! Vielleicht hat sie nicht das Leserherz.
Das Schriftbild ist sehr abwechslungsreich gestaltet durch verschiedene Schrifttypen, wenn zum Beispiel dargestellt wird, was Kiki abgetippt hat. Am Fischer-Verlag liebe ich ja auch, dass die Taschenbücher meist so flexible Einbände haben, dass es kaum möglich ist, Leserillen zu hinterlassen. Den allgemeinen Schrifttyp liebe ich auch. 
Auch das Cover finde ich übrigens toll. Durch den Schnee wirkt es so, als würde die Frau dahinter verschwinden; als würden sich viele Pixel mehr und mehr vor ihrer Erscheinung sammeln, sodass sie selbst eines Tages in einer weißen Fläche gänzlich verschwunden sein wird. Und Schneeflocken lassen sich wunderbar mit dem Lesegefühl vergleichen: Auch sie fallen leicht und sanft, auch sie haben eine so unglaublich schöne und einzigartige Struktur, wenn man sie näher betrachtet. Ich hoffe, es ist auch Schnee. Nicht, dass ich mich vertue. 

Wer das hier liest und ein ungewöhnlich zartes Leseerlebnis wünscht, dem sei dieses Werk wärmstens empfohlen. Man kann es inzwischen ja schon für wenige Cents gebraucht bestellen; man wird das keineswegs bereuen. 
Gerade weil mir das Buch so gefällt, will ich nicht so detailliert davon erzählen. Es ist eines dieser außergewöhnlichen Werke, in die man sich einfach offenen Herzens hineinfallen lassen muss. Man wird in jedem Fall besonders weich und sanft aufgefangen.

Fazit: Ein Roman wie Schneeflocken, nur, dass man nicht friert!



(Bildquelle: amazon)