Kammern des Schreckens

Montag, 23. Dezember 2013

Ein Krimi im Thrillerpelz

Oliver Kern: Die Kälte in dir


Mitten im Hochsommer beginnt ein Serienmörder jenes blutige Spiel, das sein Überleben sichert. Er scheint es auf Übergewichte abgesehen zu haben, denen er Bauchfett entnimmt. Kommissarin Kristina Reitmeier ermittelt, und schwitzt sich dabei wohl fast zu Tode.  Sie scheint sich auch eher auf Letzteres zu konzentrieren.

Der erste Band der "Kristina Reitmeier"-Serie trumpft mit interessanter Thematik und gut durchdachten Charakteren. Die Kommissarin mag nicht unbedingt auf Anhieb sympathisch, ja für meinen Teil nicht einmal interessant wirken - trotzdem muss man zugeben, dass sie immerhin authentisch ist. Dadurch, dass man mit ihr nicht unbedingt den 08/15-Charmebolzen erfinden will, den man augenblicklich so sehr lieben muss, dass man sich übergeben will.


Ich muss sagen, dass ich noch nicht mit ihr warm geworden bin, weil ich mich häufig über sie geärgert habe. Der Leser ist ja gewohntermaßen ein wenig informierter als die Ermittler, trotzdem war die Tiefe meiner Stirnfurchen erschreckend. Ich hatte eher das Gefühl, ihr Chauffeur Daniel Wolf, der wenigstens einmal etwas riskierte, hätte das eigentliche kriminologische Gespür. Und dass dieses Reitmeier häufig gefehlt hat. Ich bin kein Experte, aber ich war überrascht darüber, mit welcher Konsequenz die Frau bei jeder Kreuzung in Richtung Holzweg abgebogen ist. Jedoch kann ich mir auch vorstellen, dass das realitätsnaher ist als diese Hochbegabten, die alle bewundern. Ich meine, in Deutschland sind die Kommissare wohl kaum alle schlauer als die Reitmeier. Das Leben ist kein Wunschkonzert.

Was mich überrascht hat, war ihr Aussehen. Es passt so gar nicht zu dem Bild, welches ich mir zu Anfang des Krillers (Thrimis) gemacht habe. Ich sah vor meinem inneren Auge tatsächlich eine dickliche, männlich anmutende, ältere Dame. Vielleicht könnte man noch "cholerisch" hinzufügen. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob mir diese Kommissarin besser gefallen hätte als die echte. Aber ich tendiere eher dazu.

Den Titel "Thriller" verdient dieses Werk allerhöchstens in den letzten circa hundert Seiten. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Ermittlungsarbeit. Die Spuren scheinen immer wieder im Sande zu verlaufen, man vermutet wichtige Hinweise dort, wo es scheint, als würde der Weg zur Erleuchtung absichtlich und kaugummiartig in die Länge gezogen (wie dieser Satz - nein, schlimmer). Es ist keineswegs so, dass mir das Ganze nicht gefallen hat. Ich liebe beispielsweise Agatha Christie, Krimis machen mir Spaß. Vor allem, wenn nur selten aus der Täterperspektive erzählt und somit Freiraum für die Phantasie des Lesers gelassen wird. Das ist hier bis zu einem gewissen Punkt der Fall. Es bleibt Freiraum für den Hobby-Sherlock, bis ihm Einblick in die kranke Psyche des Mörders gewährt wird. Der Autor versteht es, an den richtigen Stellen Spannung zu erzeugen (wäre auch ein Armutszeugnis für den Thrillerautor, wenn nicht). Außerdem erinnere ich mich an effektvolle Bildkompositionen. Kern beschreibt hervorragend spezielle Momente, in die man sich fallen lassen kann. Er weiß, wie man durchdachte Atmosphären kreiert. Wenn von der Hitze im Auto die Rede war, konnte ich selbst förmlich spüren, wie mir der Schweiß die Stirn runterlief. Das sollte jetzt keinen Ekel hervorrufen; die Buchseiten sind fleckenlos.

Das Cover ist ein hervorragendes für einen Thriller. Dabei gibt es nichts zu kritisieren. Der Titel passt ebenso perfekt, obwohl er auf dem ersten Blick nichtssagend wirkt - wenn man bedenkt, dass gefühlt jeder zweite Thriller ähnlich betitelt ist. Man erinnere sich an den letzten Thriller, den ich rezensiert habe (zorneskalt).


Dem Leser fällt jedoch bald auf, dass der Titel passender nicht hätte gewählt werden können. Von der Aufmachung her kann man über dieses Buch wirklich nicht meckern. Man könnte höchstens nochmals anmerken, dass der Leser durch das Attribut "Thriller" ein wenig in die Irre geführt werden könnte. Ich weiß, dass das wohl kaum ein Kriterium ist, aber ich finde auch, dass das Buch außerordentlich gut riecht. 

Ich bin gespannt auf die Entwicklung der Kommissarin und ihrem Kollegen. Den nächsten Band der Reihe würde ich mir wahrscheinlich kaufen, denn als Krimifan kann man da keinen Fehler machen. Eine wirklich solide Leistung! Nicht der Oberburner, der einem noch Wochen später den Schlaf raubt, aber das wäre auch sicherlich nicht so gesund.

Fazit: Die Kälte in dir ist eine solide Empfehlung für jeden Krimiliebhaber. Wer die höchste Kunst des Thrillertums erwartet, wird jedoch enttäuscht werden.



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Weitere Informationen zu dem Buch findest du hier: Gemeinsam Lesen ~ Die Kälte in dir / Moose, Farne und Glückspilze.

(Quelle: Egmont-LYX)