Kammern des Schreckens

Samstag, 15. März 2014

Wenn man sucht, aber nicht weiß, ob man schon gefunden hat, was man sucht

Emma Healey: Elizabeth wird vermisst





Maud leidet an Alzheimer. Erinnerung und Jetzt verschmelzen, wobei das Jetzt ein Ort ohne Erinnerung ist.

Wo ist ihre Freundin Elizabeth? Auf diese Frage reagiert Mauds Umfeld seltsam. Keiner scheint ihr auf ihrer Suche behilflich sein zu wollen: Notizzettel sind ihr einziger Hafen, ihre einzigen Anhaltspunkte.
Und was hat es mit dem Verschwinden ihrer Schwester Sukey auf sich, eine Suche aus früher Vergangenheit, die sie nochmals durchlebt?

Realitätsnah beschreibt Emma Healey das Schicksal einer Frau, die ohne Gestern lebt. Aber auch das Schicksal derer, die diese Frau bedingungslos lieben, wie ihre Tochter Helen, und die sich in ihrer Aufgabe, sie zu pflegen, ganz verlieren. Es ist eine Geschichte wie unverändert dem wahren Leben entrissen, und doch so eigen, so wertvoll, dass es eben doch nur eine Geschichte ist. Und mehr als eine Geschichte.

Healey schreibt aus der Perspektive einer nicht unwesentlich älteren Person und wirkt durchgängig authentisch. Mehr noch. Man fühlt sich als Leser unglaublich alt, man identifiziert sich mit der sympathischen Protagonistin und weiß nicht, ob man Mitleid oder Selbstmitleid empfindet.
Die talentierte Autorin schreibt mit einem sanften Einfühlungsvermögen, direkt und doch verschleiert. So erreicht sie auch die allerverstecktesten Emotionen: Wut auf die, die nicht helfen. Freude an purer Liebenswürdigkeit einiger Figuren. Sorge um Maud, und um alle Beteiligten.

Elizabeth wird vermisst appelliert an Familienzusammenhalt, an wahre Freundschaften. Durch den Verlust geliebter Menschen, durch die Verwirrung, die in der Leere entsteht (ob man nun krank ist oder gesund), wird der Wunsch nach diesen Kräften umso dringlicher.

Und so ergibt sich, dass Tränen im Augenwinkel nisten. Weil die Hilflosigkeit, die Verzweiflung so traurig, die Individualität und bittersüße Situationskomik jedoch auch traumhaft komisch sein können. Wenn man sich auf beide Seiten einlässt, wird man durch eine spannende Geschichte getragen, die ihren ganz eigenen, erinnerungswürdigen Charakter hat.

Die junge Debütautorin schafft, was gefeierte Bestsellerautoren nicht immer erreichen: Ihr Roman bewegt, unterschwellig sowie offensichtlich, und man wird sich nach dem Lesen immer an ihn erinnern. Vorausgesetzt, man teilt nicht Mauds Schicksal - und doch bin ich mir beinahe sicher, solch eine Lektüre bliebe auch in ihrem Gedächtnis, für immer.

(Quelle: Lübbe)