Kammern des Schreckens

Freitag, 21. März 2014

Trauben im Glas

Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras



Die Handlung dieses Romans beschränkt sich auf einen einzigen Tag. Nachkriegszeit. Unterschiedlichste Menschen erleben diesen Tag, auf völlig unterschiedliche Weise. Denn Menschen sind wie Tauben, Typen, die sich in hohem Gras um ein Denkmal tümmeln. Sie leben in ihrer eigenen, dynamischen Welt. treffen aufeinander, ohne es zu bemerken, laufen aneinander vorbei.

Koeppens Roman ist typische Schullektüre. So wurde auch ich zum Lesen gezwungen, obwohl es mich so oder so zu Tauben im Gras gezogen hätte.

Der Schreibstil ist sehr elliptisch, parataktisch. Wie zu einer Collage finden sich unverblümte (Sinnes-) Eindrücke der Protagonisten zusammen. Man füge die ständigen Perspektivwechsel noch hinzu, und erhalte einen Stil, mit dem nicht viele Schüler auskommen werden. Ich habe meine eigene Lesemethode entwickelt. Wahrscheinlich bin ich nicht die erste Entdeckerin derselben!

Es geht nicht darum, immer genau zu wissen, was gerade passiert ist, wie die einzelnen Personen drauf sind, wie sie zueinander stehen und so weiter. Zunächst einmal ist es wichtig, sich von der eigenen Umwelt zu lösen, keine Ansprüche zu haben und nichts weiter zu tun, als die geschilderten, beinahe gezauberten Eindrücke auf sich selbst wirken zu lassen. Wenn man das beherrscht, kann man gar nicht anders, als den Roman genial zu finden. Es ist wie mit fremdsprachigen Filmen. Je weniger man auf die Untertitel achtet, desto mehr versteht man. Je weniger man versucht, alles zu verstehen, desto mehr versteht man.

Ich weiß jedoch schon jetzt, dass das Buch mich ankotzen wird, je mehr Detailarbeit wir an ihm werden vornehmen müssen. Ich hasse Detailarbeit. Positives hat diese jedoch im Bezug auf den Roman, weil man ihn auseinanderpflücken muss und einem somit weitere Facetten deutlich werden. 

Tauben im Gras ist ein Roman, der zu frühen Zeiten nicht die verdiente Wertschätzung erhielt, was nun nachzuholen ist. 

(Quelle: Suhrkamp)