Kammern des Schreckens

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Montag, 6. Oktober 2014

Die volle Ladung Sauerstoff


Hape Kerkeling
Der Junge muss an die frische Luft


Eine Persönlichkeit, das ist nicht gleich eine Person. Das sind alle Personen und alle Orte und jede Luft, die man im Leben jemals aufgesogen hat.  Hape Kerkeling würden viele Leute als die Persönlichkeit schlechthin bezeichnet. In seinem neuen Buch erklärt der Entertainer, aus welchem Holz er wirklich geschnitzt ist.

Nach dem riesigen und berechtigten Erfolg des - man könnte es folgendermaßen nennen - Pilgertagebuches Ich bin dann mal weg, welches nicht zuletzt auch in mir den dringenden Wunsch nach Jakobsmuscheln weckte, handelt es sich bei dem neuesten Werk um ein noch persönlicheres, um ein noch bewegenderes.
Die Reise nach Santiago de Compostela hinterließ Sympathie und Wohlwollen von allen Seiten, die vorliegende Schilderung intimster Anekdoten und Tragödien hingegen verdient zudem größten Respekt. Ich will im Grunde nicht allzu sehr in Bildern sprechen, aber man kann in der Tat behaupten: Dermaßen nackt hat man Hape Kerkeling noch nie gesehen.

Die literarische Qualität halte ich für vollkommen angemessen. Kerkeling ist kein hauptberuflicher Autor, er ist vor allem Entertainer. Nach der Lektüre will ich sogar behaupten, dass er schlicht und ergreifend auf menschlicher, weniger auf literarischer Mission ist. Dazu kann eine eigene Erfahrung kaum literarisch sein, denn literarisch, das heißt manchmal unecht.
Somit handelt es sich hier nicht um nobelpreisverdächtige Kunst im Sinne der Wissenschaft. Es finden sich tatsächlich einige durchaus poetisch anmutende Stellen, die mir glockenhell, aber keineswegs tinnitusartig in den Ohren klangen. Dann aber wiederholen sich Phrasen hier und da, manch ein Dialog hätte noch weiter ausgebaut werden können (aber auch, weil ein Kind, dem Schokolade angeboten wird, nicht mit einem einzigen Riegel zufrieden ist). Insgesamt eine ausgeglichene Leistung. 
Geschrieben wird einfach, wie der Schreiber ist, und das macht das Geschriebene umso sympathischer.

Außerdem würde einer Geschichte, die der Untermalung willen ausgeschmückt wurde, Maßgebliches fehlen: Authentizität; jene, die ich besonders an dem Jungen, der an die frische Luft muss, bewundere. Sie zeichnet auch jede einzelne Figur aus, die einem hier mehr oder weniger über den Weg laufen. Häufig meint man, bekannte Gesichter aus seiner Familie in ihnen zu erkennen; spezielle Rollen in der Verwandtschaft gibt es, die werden stets von derselben Art Familienmitglied besetzt, obwohl es niemandem zu gleichen scheint.
Als herausragende Eigenschaft veranschaulicht eine unverblümte Ehrlichkeit dem Leser, dass der Publikumsliebling zwar für ebendieses (das Publikum) geschrieben hat; sei es, um ihm Mut zu machen, Verständnis zu erzeugen, auch zur Unterstützung Kranker und als Hommage an die Menschen, die ihn geprägt haben - jedoch vermute ich auch, dass er das Buch zu keinem geringen Anteil ebenso für sich selbst geschrieben hat. Ein von-der-Seele-Schreiben, ein sich-selbst-Verdeutlichen. Gewissermaßen ein sein-Leben-vor-sich-Ausbreiten. 

Lustig sein ist eine seelische Bereicherung (und das sage ich, obwohl ich gar nicht lustig bin). Auf bemerkenswerte Art bekräftigt der Autor seine innige Liebe zum menschlichen Humor, die beim Lesen regelrecht Lebenslust verbreitet und glücklich macht. 

Nicht zu missachten ist auch folgende Botschaft an den Leser, etwas, das zumindest ich gelernt habe: dass ein Mensch, der zur öffentlichen Person gemacht wird, noch immer ein Mensch ist. Mit einer einzigartigen Geschichte, die nur eben diesem Menschen gehört. Jedermanns Geschichte kann erzählt werden und bleibt doch Eigentum dessen, der sie erlebt hat.

Direkt zu Anfang lachte ich, bis meine Sitznachbarn in der Bahn am liebsten den Platz gewechselt hätten. Nicht lang darauf weinte ich, als klebten frische Zwiebelscheiben zwischen den Buchseiten.
 Das ist es doch, worum es beim Lesen geht. Geschüttelt werden, und gerührt. Das schafft nicht einmal jeder fiktive Roman, gar nicht erst von Sachbüchern anzufangen, von arroganten Autobiographien selbsternannter Gandalfs. Mit diesem Buch beschenkt Hape Kerkeling sich selbst und die Welt.

*  *  *
Der Junge muss an die frische Luft
Erschienen: 06.10.2014
Verlag und Bildquelle: Piper
Seiten: 320 (Hardcover mit Schutzumschlag)
ISBN: 978-3-492-05700-4
Preis: 19,99€ [D]

Sonntag, 28. September 2014

So viel Leben passt in eine winzige Schachtel.

 Edward St Aubyn 
Der beste Roman des Jahres




Den diesjährigen Gewinner des Elysia-Preises, der normalerweise für Literatur vergeben wird, ernennt die wohl kompetenteste Jury überhaupt. Warum nur häufen sich die Probleme? Intrigen und Skandale, Beziehungen und Bindungen, Familiengeschichten und seltsame Zufälle erschweren die Wahl. Befinden wir uns hier in der Literaturbranche oder drehen wir Hollywood-Filme?
 Jeder Autor ist überzeugt von seinem Werk, bis auf Lakshmi Badanpur, deren Kochbuch es durch ein Missverständnis auf die Longlist geschafft hat. Und wessen Werk einfach unbeachtet blieb, der hat mit noch viel größeren Schwierigkeiten zu kämpfen: dem Ego eines jeden Künstlers und dem tödlichen Strudel der romantischen Liebe.

Auf den ersten Blick kommt Der beste Roman des Jahres daher wie die mit Abstand eleganteste Schachtel Zigaretten weit und breit. Auch sein Inhalt gleicht einem der schädlichen Zylinder, nur eben, dass er im Grunde vollkommen gesundheitsneutral ist, es sei denn, man vergisst das Essen und Trinken oder gar Atmen beim Verzehr der süchtig machenden Lektüre. 

Es handelt sich hierbei um eine unterhaltsame Satire, die mit überraschenden Wendungen, realitätsnaher und glaubhafter Komik, immer aktueller Thematik und zuletzt sogar mit einer gewissen (kriminellen) Spannung aufwartet. Dem Leser drängt sich angenehmerweise eine unbändige Lust auf, zu schreiben  - so hielt auch ich selbst mitten in der nächtlichen Atmosphäre stets einen Notizblock bereit, um eventuell die Lektüre zu unterbrechen, weil mir eigene, verrückte Ideen gekommen waren. Verschiedenste Facetten des Leser- und Schreiberdaseins werden beleuchtet, teilweise liest man Texte mit den Protagonisten mit, die (bezieht sich auf Texte und Charaktere zugleich) unterschiedlicher nicht sein können - eine genüsslichere Inspiration kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. 


Beinahe paradox ist die Liebe zum Detail, die raffinierte Handwerkskunst einer wie mit der Pinzette zurecht gerückten Geschichte, wenn man deren komprimierte Form bedenkt. Angemessene Längen, aber auch beabsichtigte Dynamik hängen gänzlich von der jeweiligen Figur ab, aus deren Perspektive der Leser die Welt gerade beobachtet. In dieser Hinsicht erinnert die spezielle Schreibweise fast Koeppens Tauben im Gras, nur in einer sofort verständlichen und bescheideneren Form, jedoch auch mit dem Fokus der Handlung auf ein öffentliches Event, welches außerdem durch die Anwesenheit aller bekannten Personen ein gewisses Chaos beherbergt. Soll heißen, dass an dieser Stelle die Tendenz zur Überforderung gegeben ist.

Der Autor beschäftigt sich mit der Frage nach dem Wesen der Literatur. Ist sie nicht schlicht und ergreifend Kunst? Sind nicht alle wirklich guten Romane Kunstwerke und somit aufgrund ihrer Einzigartigkeit unvergleichbar? Vielmehr spielt scheinbar bei der Erstellung einer Longlist alles andere eine Rolle: Politik, Geld, Macht, Sex, menschliches Versagen, Missverständnisse und nach einer äquatorlangen Kette auch irgendwann, beinahe unbedeutend: der ganz und gar eigene Geschmack. 



Über dieses Werk enthusiastisch zu behaupten, es sei der beste Roman des Jahres, käme einer Beleidigung gleich, die dreister nicht ausfallen könnte. Wer solch eine Lektüre für irgendeinen Buchpreis nominieren würde, wäre entweder bodenlos frech, oder aber hätte ihre hauptsächlichen Thesen nicht annähernd verstanden. 

Ich wage jedoch zu behaupten, dass ich für mich persönlich feststellen darf, in diesem Jahr nur wenig Vergleichbares gelesen zu haben. 



*  *  *

Edward St Aubyn, Jahrgang 1960, wuchs in England und Südfrankreich auf und lebt zur Zeit in London. Er ist Journalist und hat bereits mehrere Romane veröffentlicht, am bekanntesten wahrscheinlich seine Melrose-Saga, in welcher tragische und traumatisierende Erfahrungen mit der britischen upper class verarbeitet wurden. Charakteristisch für den Autor ist sein effektvoller Sarkasmus.

Der beste Roman des Jahres
erschienen am: 01.09.2014
Verlag und Bildquelle: Piper
Seiten: 256 (Hardcover)

ISBN: 978-3-492-05435-5
Preis: 16,99€ [D]


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Dienstag, 23. September 2014

Together readen


Oooouu, hey, my dear friends and fishies. Let us reeeaaaaaad together! Yeah, man! Maaaan!

*  *  *

1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?




107/255


2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?
„Im Schweiß und Brodem eines eklen Betts“, dachte Katherine, die die Feuchtigkeit der Laken spürte, als sie vergeblich nach dem Wecker auf dem Nachttisch griff.

3. Was willst du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden? (Gedanken dazu, Gefühle, ein Zitat, was immer du willst!)


Ich liebe es, ich liebe es, ich liebe es! Die perfekte Satire über den ewig sinnlosen Versuch, das beste Buch des Jahres zu küren.




4. Kannst du dich dran erinnern, welches das erste Buch war, dass du jemals selbst gelesen hast? Fing deine Buchleidenschaft schon direkt mit diesem ersten Buch an?

Ich weiß es nicht mehr hochprozentig genau, aber verweise hier gerne auf die Felix-Bücher, die ich im Kindergarten gelesen habe. Mit sehr viel Mühe und Spaß. :) Also: Ja. Ich war sofort verzaubert.

*  *  *

Samstag, 20. September 2014

Herbstliche Lektüre auf dem Klo + Neuzugang

Meine Klolektüre hat mir neulich nachts, als alles schlief außer mir, die erste richtige Herbststimmung verpasst. Mit einigem albernen Gekicher. Das Zitat wandert direkt auf die Seite meiner liebsten.


Suchen wir denn zuviel, wenn wir den Umgang von Männern suchen, welche mild, wohlschmeckend und nahrhaft geworden sind wie Kastanien, die man zur rechten Zeit ins Feuer gelegt und aus dem Feuer genommen hat?
      [Friedrich Nietzsche: Morgenröte; Gedanken über die moralischen Vorurteile]

Ich hätte diese Worte ja liebend gern Wladimir Putin auf die Zunge gelegt, aber dann würde ich ja lügen, und ich lüge nie, außer, wenn ich mit Drama um mich schmeiße. 
Der Herbst ist für mich jedenfalls da. Nur deshalb. Nur dank Freddy Nietzsche.

Ach ja: Klolektüre. Oder auch Toilettüre. Oder Kackabuch. Hat nicht eigentlich jeder so etwas? Meine Eltern jedenfalls nicht, dafür lasse ich ihnen aber den Nietzsche ganz unauffällig auf der Kommode liegen. Vielleicht reizt er ja - zum Philosophieren. Glaube ich aber eher weniger. Will auch nicht unbedingt, dass mein Nietzsche von irgendwelchen Gästen angefasst wird, die hygienische Leichen im Keller lagern ... Bah! Exkremente auf Nietzsches Schnäuzer!
Womöglich ist dieses Geschreibsel hier das Ende meines Lebens als Mädchen, das auf der Toilette liest!


Spätestens jetzt müssten die Erwartungen einen Tiefpunkt erreicht haben, was den Neuzugang angeht, der gestern in meine gierigen Finger gewandert ist. Also, nicht in die Knochen rein; meine Ausdrucksweise lässt manchmal wirklich zu wünschen übrig.

Jedenfalls glaube ich fast, der Titel ist Programm. Was natürlich nicht geht, aber dazu komme ich bald. Nicht heute, aber bald. Ich weiß jetzt schon, wie die Rezension in etwa ausschauen wird, denn meine Begeisterung hat Flügel bekommen, als hätte ich zu viel RedBull genossen. (RedBull schmeckt gar nicht. Wie flüssiges Kaugummi. Nur mal so nebenbei.)




Erschienen am 1. September 2014 im Piper-Verlag, handelt der Roman davon, dass es eigentlich unmöglich ist, den "Besten Roman des Jahres" im Rahmen einer Preisverleihung zu küren. Der Titel ist somit nicht etwa ein Zeichen bodenloser Arroganz, sondern geht in die Tiefe. In die Tiefen des aktuellen literarischen Ozeans, jeder Tropfen Wasser ein Titel, jeder Schwarm eine Shortlist, jedes Riff eine Longlist. Oder irgendwie so.
 Erster Satz der Seite, auf der ich mich gerade befinde (nicht körperlich, sondern mit den Augen):
Seite 37: Es klingelte an der Tür.

Ich lache gerade wie ein Filmbösewicht, weil der Satz so herrlich nichtssagend und doch neugierigmachend ist. Die Rezension wird etwa nächste Woche folgen. Ich liebe den Roman schon jetzt!



Donnerstag, 11. September 2014

Zum Anbeißen

Richard C. Morais
Madame Mallory
und der Duft von Curry



Hassan erblickt nicht nur einfach das Licht der Welt, er erschnüffelt es. Nein, nicht wie ein Hund. Auch nicht wie Grenouille, nicht einmal annähernd. Also noch einmal von vorn: Als Hassan geboren wird, seine Sinne für die Welt geöffnet werden, untermalt der Duft scharfen Currys die Szene. Das prägt maßgeblich sein späteres Leben als Koch, ist aber keineswegs der Grund für sein unglaubliches Talent (er hat es einfach): ein seltenes Gespür dafür, was wirklich schmeckt und wie man es zubereitet. Zufällig treibt das Schicksal seine Familie aus ihrer Heimat und quer durch Europa, zu einer kulinarischen Reise der Extraklasse. Haften bleibt unser Protagonist in Frankreich, wo seine Gabe sich erst entfalten kann. Dies ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Karriere.


Das Cover und die Form des Buches zum Film wirken gewissermaßen irreführend. Suggeriert wird offensichtlich eine Liebesromanze mit französisch-exotischem Touch. Das ist doch Quark. In Wirklichkeit geht es um viel mehr als das, in Wirklichkeit ist das Ganze sehr viel kreativer und auf keinen Fall derartig fad. Man kann da wirklich nur die Nase rümpfen. Das tue ich in diesem Augenblick sogar.
Mit interessanten und charmanten, oftmals eigensinnigen Charakteren bietet Madame Mallory und der Duft von Curry (auch: Madame Mallory und der kleine indische Küchenchef) so viel mehr als ein immergleicher Nicholas Sparks. Nichts gegen Nicholas Sparks.

Der Roman hätte auch heißen können: Kochen mit Buchstaben. Wobei es sich weder um Buchstabensuppe noch um Russisch Brot handeln dürfte, denn das mag ich beides nicht. Ich werde paranoid, wenn mein Essen mir Botschaften sendet. Also: Kochen mit Buchstaben. Oder: Morais - ein Künstler. Wie man ein Buch schreibt, das beim Lesen Düfte absondert. Kleingedrucktes versichert dem Leser: Garantiert ohne Furz und Käsefüße.

Aber jetzt mal im Ernst. Selten passiert es mir, dass ich bei Beschreibungen von Düften, Lebensmitteln und Gerichten - in einem Roman, wohlgemerkt - Opfer einer übermäßigen Speichelproduktion werde.
Die Atmosphäre ist dicht und überaus plastisch. Als Leser wird man auf die Reise der indischen Familie mitgenommen und sieht die Orte so deutlich vor Augen, als ob sie wie in einem Videospiel vor des Lesers Nase generiert würden. Mit Geräuschen, Menschen, Gerüchen, mit der individuellen Stofflichkeit der Szene. Also doch eher ein Videospiel mit futuristischer Umsetzung.

Die vielen Zeitraffer und Ortswechsel können jedoch auch das Gegenteil bewirken, das kommt auf den Leser an. Wer eine Vertiefung braucht, eine Art Omnipräsenz von einem gewissen Ort und bekannten Gesichtern, der wird womöglich mit der Dynamik der Handlung nicht unbedingt warm. Tatsächlich wirkt das Geschriebene eher wie eine Biografie, wobei man nicht vergessen darf, dass jedes Leben ein Abenteuer ist. 

Dieses wird durchzogen von einer gehörigen Portion Familienzusammenhalt, einem kleinen bisschen Liebe und vor allem: Frankreich. Paris. Nach all den Eindrücken verschiedenster Orte hier einer, an dem die Geschichte auf ihre Art sesshaft wird. Ich halte nicht unbedingt viel von dem Mädchenfilm-Image von Paris, aber während ich mich quasi selber dort befand, liebte ich es. Einfach, weil Liebe hineingeschrieben worden ist. Während ich das hier abtippe, befinde ich mich selbstverständlich wieder außerhalb der Geschichte. Und bin auch kein Fan von Paris mehr. 

Der Fokus bleibt allerdings bei Hassans Karriere. Wer schnulzige Romantik erwartet, erhofft, muss rechtzeitig die Leiter von seiner siebten Wolke wieder hinunter zur Erde finden. Oder sie löst sich unter seinem Hintern auf. Dann könnte im Grunde alles passieren. Hinge von unzähligen Faktoren ab, zum Beispiel von der eventuellen Existenz von Schonern, Helm, sonstigem Körperschutz. Außerdem ist wichtig, worauf man fällt. Und, falls die Wolke sich über einem Ozean auflöst, der Grad der von dessen schuppigen und nichtschuppigen Bewohnern ausgehenden akuten Gefahr. Was sich kompliziert ausdrücken lässt, geht eigentlich auch einfach. Rosarote Brille ab, Horizont erweitern. Hat auch, wenn man darüber nachdenkt, einige Vorteile. Wenn man diese dann nutzt, wie eine plötzliche Lust, sich am Herd zu versuchen, können die passenden Rezepte im Anhang des Buches eine Inspirationsquelle darstellen. 

Resümierend sollte man froh sein, dass dieser besondere Roman verfilmt worden ist. Welch ein Sakrileg, verschwände er im Sumpf der vergessenen Geschichten.
 Wenn man ihn ausgelesen hat, fühlt man sich so satt wie nach einem üppigen Mahl. Zufrieden satt. So zufrieden, dass man die oberen Knöpfe seiner Hose öffnen und seinen irgendwie riesig gewordenen Bauch liebevoll betätscheln will. Ein tolles Buch. 

*  *  *
Erschienen am: 11.08.2014
Verlag und Bildquelle: Piper
Extras: farbige Filmbilder, Rezepte im Anhang
Seiten: 400 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-492-30620-1
Preis: 9,99€ [D]

Alternativ: Madame Mallory und der kleine indische Küchenchef (keine Filmversion)
Erschienen am: 12.11.2012
Verlag: Piper
Seiten: 400 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-492-30132-9
Preis: 9,99€ [D]

Sonntag, 7. September 2014

Nicht unbedingt unvergesslich, aber auch nicht übel.

Rowan Coleman
Einfach unvergesslich






Claire findet, dass sie im Grunde zu alt ist für ihren Ehemann Greg. Sogar Caitlin, ihre Tochter, meint, es wäre logischer, wenn sie selbst mit ihm eine Beziehung führte - nicht, dass sie es so wollte. Niemals. Aber theoretisch?

Nun ist es vollkommen egal, wofür Claire zu alt ist. Für eines ist sie unumstritten zu jung: Alzheimer. Der Nebel, der sich in ihrem Geist ausbreitet, ein ihr verhasster, dicker Nebel, findet das ganz und gar nicht.



Ein weiterer Roman über die Tücken des Vergessens. 

Alzheimer lässt uns alle schaudern, egal, ob wir bereits Umgang mit Patienten hatten, jemand Betroffenes in der Familie, oder ob wir uns einfach vorstellen: Was wäre, wenn? 

Insofern lässt sich trocken behaupten, dass dieses Thema für eine Geschichte, die unter die Haut gehen soll, schon einmal die beste Grundlage bietet. Geht immer. Und ist auch immer irgendwie faszinierend. Inwieweit die geschilderten medizinischen Umstände der Wahrheit entsprechen, kann ich als Laie kaum beantworten. Für mich klang das alles ganz glaubwürdig. Aber wie soll ich das objektiv bewerten? Immerhin haben sogar mir die Tränendrüsen gejuckt. 

Eine sehr einfache Sprache mit einem bisschen "hyper" und "mega" zeichnet den Roman wie ein Jugendbuch aus. (Nein, nicht wie schlechte Techno-Töne.) Dadurch werden Perspektivwechsel zwar gestützt und angereichert, der Gesamtanspruch liegt jedoch somit lediglich bei dem Thema der Demenz, weniger bei der literarischen Darstellung. Das kann man so oder so sehen. Die aufgebauten Emotionen gehen hier ganz unverblümt auf den Leser über, zugleich mutet die Atmosphäre so typisch und alltäglich an, dass man sich umso besser in die Rolle der Protagonisten hineinversetzen kann. Das ist für einen Roman, der von den (unterdrückten) Tränchen der Leser lebt, entscheidend. Außerdem denkt ein Mensch, dessen Geist dem Verfall unterliegt, zunehmend einfacher. Bei Claire ist es sogar so, dass sie sich in ihre Jugendzeit zurückversetzt fühlt und sich an frische Liebe klammert, vom Simpelsten lebt und überlebt. Sie weist immer mehr Parallelen zu ihren beiden Töchtern auf. 

Wenn nun aus Caitlins Sicht erzählt wird, die typische Mädchen-Jugendbuch-Probleme hat, und dann aus der Sicht ihrer kranken Mutter, die nun ebensolche Probleme zu haben denkt, sind die Perspektiven und Erinnerungen von Oma Ruth und Greg frischer Wind. Irgendwie erwachsene Luftbläschen. Die Autorin schafft hier einen wirklich notwendigen Ausgleich.
Was das Ende angeht, von dem hier nichts verraten wird: Ich halte es für einen Hauch in die Länge gezogen. Als ich den "Das war's"-Moment hatte, diesen Seufzer, auf den normalerweise ein Buchzuklappen folgt, ging es noch weiter. Aber das ist nicht weiter wichtig, wenn man bedenkt, dass womöglich andere Leser diesen seltsamen "Das war's"-Moment genau dann haben, wenn es das auch wirklich war. Ich mag es nur nicht, wenn man sich an einem Punkt alle möglichen bisher offenen Fragen selber beantworten kann und dann trotzdem eine Erklärung auf alles folgt. Es sei denn, es handelt sich um einen Krimi, denn da liege ich meistens falsch.

Was diesen Roman vor allem ausmacht, ist nicht die Tragik seines Themas der Krankheit. Vielmehr scheint er eine Hommage an Liebe und Familienverbundenheit zu sein. Coleman schreibt über die eigentümliche Liebenswürdigkeit von Frauen in verschiedenen Generationen; dass sie einander ebenso ähneln wie sie sich unterscheiden, und dass eben hier die Quelle des starken Zusammenhalts liegt, stärker sogar als unüberwindbare Schicksalsschläge. All das bewerkstelligt Rowan Coleman hier wunderbar - da darf die Sprache ruhig etwas einfacher sein.

*  *  *
Erschienen: 11.08.2014
Verlag und Bildquelle: Piper
Seiten: 416 (Paperback)
ISBN: 978-3-492-06001-1
Preis: 14,99 € [D]


Übrigens: Die Farben des Covers weichen etwas ab. Im "RL" sind die Kreise neonorange.

Sonntag, 27. Juli 2014

Wie weit?


Tomas Überall
Dieses Loch ist weit entfernt von Spaß
Bizarre Hotelbewertungen aus aller Welt



Urlaube sind für viele Menschen ein Grund, weshalb sie überhaupt arbeiten. Sie sind der Lichtblick unseres Jahres, für viele Menschen der Lichtblick ihres Facebook- oder Twitterprofils. Urlaube sind oft auch ein Statussymbol. Schade nur, wenn anstelle von Pools und King-Size-Betten löchrige Planschbecken und Luftmatratzen auf den gestressten Fluggast warten. Wenn es im Bad mehr Kakerlaken als freundliches Personal im gesamten Hotel gibt. Wenn mindestens einer der Sterne einen Knick hat. 

Wer auch immer hinter Tomas Überall steckt, er/sie(/es) trägt in diesem Unterhaltungsbuch Schnipsel der Verzweiflung enttäuschter Urlauber zusammen, von dem Übersetzungscomputer irgendeiner unbekannten Internetseite bisweilen ins Bizarre übersetzt (jedenfalls weniger ins Deutsche). 

Man könnte sagen, es handle sich um den Versuch, einem verpatzten Aufenthalt den Spiegel eines Clowns gegenüber zu stellen. Das Desaster aus der Metaebene zu betrachten, sodass man darüber nach Herzenslust lachen kann, anstatt auf dem kaputten Lattenrost zu sitzen, den vor Schmerz pochenden Kopf in den verschmutzten Händen haltend (weil es kein fließend Wasser gibt) und zu schluchzen und zu weinen und überhaupt.

Das Buch war mir also zu Anfang sympathisch. Der Veröffentlichungszeitpunkt war natürlich clever gewählt, die Leser selbst schon im Urlaubsfieber. Ich kann mir folgende Szene vorstellen: Jemand kauft dieses Buch für seinen eigenen Urlaub. Zufällig entpuppt sich sein Reiseziel als eine Enttäuschung; er ist der Verzweiflung nahe. Da ist ihm Dieses Loch ist weit entfernt von Spaß ein kleiner, aber immerhin ein Trost. Er findet sich in den oft zynischen Geschichten der Opfer wieder und schöpft neue Kraft: Wenn die es noch posten konnten, haben sie überlebt. Wenn die überlebt haben, schaffe ich das auch.
Er lernt, diese suboptimale Zeit mit den Augen eines Abenteurers zu sehen, nicht zu verzagen, über Absurdes zu lachen. Nicht schlecht!

Davon abgesehen plane ich keine Komplimentausschüttung. Selbstredend handelt es sich nicht um ein Buch, welches dazu gedacht ist, wie ein Roman von vorn bis hinten in einem Stück durchgelesen zu werden. Es ist eher als Snack gedacht, dass man ab und zu mal hineinschaut und sich an den seltsamen Sätzchen erfreut - je schadenfroher der Leser, desto größer sein Genuss. Ich musste an manchen Stellen wirklich lachen. Anderswo konnte ich nur schmunzeln. Häufig erwies sich die Sinnverschandelung durch den Sprachcomputer jedoch nicht als Gewinn. 

Nach einem wirklich einigermaßen gelungenen Drittel (in etwa) scheint die CD durchgelaufen zu sein, nun beginnt sie wieder bei Track 1. Es kommt nichts Neues mehr, keine Überraschung, dabei ist das Herz eines Witzes die Überraschung. Oder nicht? 
Es gibt sicherlich zahlreiche unterschiedliche Erfahrungen, die in einem schlechten Urlaub gemacht werden können, aber für zweihundertfünfunddreißig abwechslungsreiche Seiten scheint es doch nicht zu reichen. Egal, ob man nur zwischendurch liest oder am Stück.
Auch die Einleitungen zu den jeweiligen Kapiteln hätten knapper ausfallen, oder ganz weggelassen werden können. Die Titel an sich sagen schon genug über das Folgende aus, die Einleitungen (wenn man sie überhaupt liest) wirken unpassend zeitverzögernd, zumal uninteressant.

Wenn es sich bei dem Leser dieser Rezension um jemanden handelt, der Trost und Lacher braucht, kann er sich für einen Zehner dieses Buch kaufen. Schokolade oder mal wieder ein Gespräch mit guten Freunden kostet selbstverständlich weniger - bringt auch mehr. Für alle anderen für den Preis nicht unbedingt empfehlenswert, wenn es sich auch um ein schönes Geschenk handeln könnte. Für Hoteltester.


Von Tomas Überall gibt es eine Website, auf welcher man, sofern man nicht schon übersättigt ist, weitere Posts und auch Bilder in bekanntem Stil betrachten kann: Tomasueberall

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Verlag und Bildquelle: Piper
Erscheinungsdatum: 12.05.2014
Seiten: 240 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-492-30577-8
Preis: 9,99€ [D]

Samstag, 5. April 2014

I ♥ 12 Years a Slave (aber ich will kein Sklave sein)

Solomon Northup: 12 Years a Slave

( EINE WAHRE GESCHICHTE )


Er ist schwarz und als freier Bürger New Yorks geboren. Solomon Northup ist gebildet, talentierter Geiger, hat eine harmonische Familie. Betrüger schaffen es, sein Vertrauen zu erschleichen und ihn hereinzulegen. Hereinlegen klingt da noch harmlos: Sie bringen ihn zur Ohnmacht, entledigen ihn seines ganzen tragbaren Besitzes, machen ihn zu einem Sklaven. Sein Name lautet nun Platt, und keiner darf wissen, wer er wirklich ist. Ein neues, völlig anderes Leben beginnt für ihn. Er lernt verschiedene Facetten des Sklavenlebens kennen: seltener Respekt, gütige Herren, aber auch die häufiger vorkommende Spezies des Schlagenden, Beängstigenden. Peitschenhiebe, Strafen für Lobenswertes. Erst nach zwölf Jahren erfolgt die Rettung, doch die verlorene Zeit mit ihrem Vater kann den Kindern nicht zurückgegeben werden.

Freiheit, Demokratie, Gleichheit, das Recht, nach Glück zu streben. Der American Dream in seiner ursprünglichen Form bestimmte auch im Jahre 1841 das Leben des Solomon Northup, in dem Jahr seiner Entführung. Noble Ideen in einer meiner Meinung nach absolut defizitären Ausführung. Der Traum ist heutzutage ohnehin nur noch eine Farce, doch war er es damals nicht erst recht? Denn für einen Sklaven, oder schon einen freien Schwarzen, gilt Freiheit auf eine andere Art, häufig gar nicht. Einem Sklaven ist es verboten, sich zu bilden, verboten, nach Glück zu streben (ihm bleibt das Glück, welches sein Besitzer ihm lässt). Und von Gleichheit will ich gar nicht erst anfangen. Rassismus ist aktuell und wird es immer bleiben. Wenn wir alle dieselbe Hautfarbe hätten, dann würden solche diskriminiert, die kleiner oder zu groß wären, oder die sonstwie anders sind. Ich begreife diesen Teil im Großteil der Menschen nicht, dieses empörte Unverständnis jedoch ist der Wegbereiter für die Gefühle, die Northup durch sein bescheidenes Schreiben im Leser weckt. 


Natürlich weiß man nicht, wie viel von dem, was man liest, wirklich wahr ist. Die wichtigen Hintergrundinformationen gibt Northup, während er auf deren Nachweisbarkeit und Richtigkeit besteht. Ob er jedoch wirklich der Held war, wie das von ihm gezeichnete Bild manchmal zu verstehen gibt, wird man nicht herausfinden können. Und doch glaube ich ihm, denn es geht nicht darum, was bis ins Detail Fakt ist. Menschen sind und waren schon immer zu Grausamem fähig, das ist Fakt. Diesem speziellen Menschen ist Grausames widerfahren, auch Fakt. Darum geht es in dieser Geschichte, die ein Appell an Menschlichkeit und wahrer Gerechtigkeit ist. Sie beschreibt den innigen Wunsch, die Würde eines Menschen zu ehren und zu achten. Was auch immer Northup verschwieg, es gehörte ihm und seiner persönlichen Würde.

 Bald zweihundert Jahre später und doch kaum Besserung im Menschen, wenn überhaupt. Trafficking (Menschenhandel) nennt sich beispielsweise die Gräueltat, die häufig in Afrika stattfindet, aber auch in anderen Teilen der Welt: Ahnungslose Kinder werden auf ihrem Weg zur Schule verschleppt, damit sie auf Kakaobohnenplantagen pflücken, bis sie nicht mehr können. Sklaven auf die altmodische Art, zu einem modernen Zweck. Die Schokolade, die mit diesen Bohnen hergestellt wird, findet sich zumeist in unseren Supermärkten und letztlich unserem eigenen Magen wieder. Sind wir somit nicht auch auf eine Weise Sklavenhändler?


Trotz ernsten Themas bleibt der Lesespaß um des Lesens willen nicht außen vor. Mit viel aufgeklärtem Verständnis, philosophischen, traurigen, aber auch schönen Momenten tastet sich die Geschichte sanft ins Leserherz. Besonders nachdenklich stimmt folgender Gedanke: Es gab auch Herren, die gütig waren, bei denen man als Sklave großes Glück hatte, zu arbeiten. Und doch blieb die Abneigung, denn es ist trotz alledem von Grund auf falsch, Herr über andere Menschen zu sein.


Ein Widerspruch bleibt jedoch, eine Unstimmigkeit, die mich nicht loslässt. Northup sieht die Gleichheit in allen Menschen, Tiere jedoch schließt er aus. Es ist eine Sache, über die sich streiten lässt, aber meiner Meinung nach steht der Mensch auch nicht über den Tieren, genausowenig wie über anderen Menschen. Keinerlei Zögern verspürt Northup, mit der Peitsche die Hunde zu schlagen, von denen er denkt, sie würden ihn ansonsten an einer Flucht hindern. Mag sein, dass die Tat unvermeidlich hätte sein können, wenn nicht gar lebensrettend. Trotzdem hätte ich bei der humanen Denkweise des Mannes wenigstens ein wenig Unbehagen erwartet. Trotz der Zeit, in welcher er lebte. Dieser Widerspruch reicht jedoch nicht aus, dem Roman einen Stein ins Getriebe zu legen.

Spätestens seit den letzten Oscars ist der Film zu dieser wahren Geschichte in aller Munde. Ich habe den Film noch nicht gesehen, freue mich aber über seine Reputation - so erhält das Leben des Solomon Northup die Anerkennung, die Bekanntheit, die ihm gebührt. 

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Erschienen am: 17.02.2014
Seiten: 288 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-492-30614-0
Preis: 9,99€ [D]

Für Leseprobe, Bestellmöglichkeit,
weitere Informationen:




Das war der erste Roman, der mir auf Anfrage direkt vom Verlag geliefert wurde, und ich finde: Ein perfekter Anfang! Ich bedanke mich hier nochmal herzlichst beim Piper-Verlag.


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