Kammern des Schreckens

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Sonntag, 7. September 2014

Nicht unbedingt unvergesslich, aber auch nicht übel.

Rowan Coleman
Einfach unvergesslich






Claire findet, dass sie im Grunde zu alt ist für ihren Ehemann Greg. Sogar Caitlin, ihre Tochter, meint, es wäre logischer, wenn sie selbst mit ihm eine Beziehung führte - nicht, dass sie es so wollte. Niemals. Aber theoretisch?

Nun ist es vollkommen egal, wofür Claire zu alt ist. Für eines ist sie unumstritten zu jung: Alzheimer. Der Nebel, der sich in ihrem Geist ausbreitet, ein ihr verhasster, dicker Nebel, findet das ganz und gar nicht.



Ein weiterer Roman über die Tücken des Vergessens. 

Alzheimer lässt uns alle schaudern, egal, ob wir bereits Umgang mit Patienten hatten, jemand Betroffenes in der Familie, oder ob wir uns einfach vorstellen: Was wäre, wenn? 

Insofern lässt sich trocken behaupten, dass dieses Thema für eine Geschichte, die unter die Haut gehen soll, schon einmal die beste Grundlage bietet. Geht immer. Und ist auch immer irgendwie faszinierend. Inwieweit die geschilderten medizinischen Umstände der Wahrheit entsprechen, kann ich als Laie kaum beantworten. Für mich klang das alles ganz glaubwürdig. Aber wie soll ich das objektiv bewerten? Immerhin haben sogar mir die Tränendrüsen gejuckt. 

Eine sehr einfache Sprache mit einem bisschen "hyper" und "mega" zeichnet den Roman wie ein Jugendbuch aus. (Nein, nicht wie schlechte Techno-Töne.) Dadurch werden Perspektivwechsel zwar gestützt und angereichert, der Gesamtanspruch liegt jedoch somit lediglich bei dem Thema der Demenz, weniger bei der literarischen Darstellung. Das kann man so oder so sehen. Die aufgebauten Emotionen gehen hier ganz unverblümt auf den Leser über, zugleich mutet die Atmosphäre so typisch und alltäglich an, dass man sich umso besser in die Rolle der Protagonisten hineinversetzen kann. Das ist für einen Roman, der von den (unterdrückten) Tränchen der Leser lebt, entscheidend. Außerdem denkt ein Mensch, dessen Geist dem Verfall unterliegt, zunehmend einfacher. Bei Claire ist es sogar so, dass sie sich in ihre Jugendzeit zurückversetzt fühlt und sich an frische Liebe klammert, vom Simpelsten lebt und überlebt. Sie weist immer mehr Parallelen zu ihren beiden Töchtern auf. 

Wenn nun aus Caitlins Sicht erzählt wird, die typische Mädchen-Jugendbuch-Probleme hat, und dann aus der Sicht ihrer kranken Mutter, die nun ebensolche Probleme zu haben denkt, sind die Perspektiven und Erinnerungen von Oma Ruth und Greg frischer Wind. Irgendwie erwachsene Luftbläschen. Die Autorin schafft hier einen wirklich notwendigen Ausgleich.
Was das Ende angeht, von dem hier nichts verraten wird: Ich halte es für einen Hauch in die Länge gezogen. Als ich den "Das war's"-Moment hatte, diesen Seufzer, auf den normalerweise ein Buchzuklappen folgt, ging es noch weiter. Aber das ist nicht weiter wichtig, wenn man bedenkt, dass womöglich andere Leser diesen seltsamen "Das war's"-Moment genau dann haben, wenn es das auch wirklich war. Ich mag es nur nicht, wenn man sich an einem Punkt alle möglichen bisher offenen Fragen selber beantworten kann und dann trotzdem eine Erklärung auf alles folgt. Es sei denn, es handelt sich um einen Krimi, denn da liege ich meistens falsch.

Was diesen Roman vor allem ausmacht, ist nicht die Tragik seines Themas der Krankheit. Vielmehr scheint er eine Hommage an Liebe und Familienverbundenheit zu sein. Coleman schreibt über die eigentümliche Liebenswürdigkeit von Frauen in verschiedenen Generationen; dass sie einander ebenso ähneln wie sie sich unterscheiden, und dass eben hier die Quelle des starken Zusammenhalts liegt, stärker sogar als unüberwindbare Schicksalsschläge. All das bewerkstelligt Rowan Coleman hier wunderbar - da darf die Sprache ruhig etwas einfacher sein.

*  *  *
Erschienen: 11.08.2014
Verlag und Bildquelle: Piper
Seiten: 416 (Paperback)
ISBN: 978-3-492-06001-1
Preis: 14,99 € [D]


Übrigens: Die Farben des Covers weichen etwas ab. Im "RL" sind die Kreise neonorange.

Sonntag, 17. August 2014

Auf dass die Fernsehgeräte schmoren

Amélie Nothomb
Reality-Show
Ein weiterer Roman über die tiefen Abgründe der menschlichen Seele


Folgende Grausamkeit erweist sich als die beste Produktionsidee in der Geschichte des Fernsehens (und aller anderen Medien): Gecastete Aufseher wachen auf brutalste Weise über Gefangene eines Lagers, kommandieren sie herum, entscheiden über deren Leben - oder Tod.
Helden der Show sind die ausgemergelten Gefangenen, die wissen, dass sie hier sterben werden. Umso verlockender für das Publikum, dass es per Fernbedienung täglich zwei ihrer Lieblinge für die Show opfern kann.

Nothomb wurde für ihre außergewöhnlichen Werke bereist vielfach ausgezeichnet. Unverkennbar ist ihr oft morbider Zynismus, der auch im vorliegenden Werk für die richtige Würze verantwortlich ist.
Man merkt schon, dass die Autorin privat ihre Freunde am liebsten auf dem Friedhof trifft, es blickt einfach durch. So passen ihre Pointen vollkommen natürlich ins Bild: Sie fühlt sich wohl auf dem Gebiet der bitterbösen Menschlichkeit.

Ich habe durchaus schon vernichtende Kritik zu Reality-Show gelesen, die sich hauptsächlich an den minimalistischen Schreibstil klammerten. Der führt beinahe unweigerlich dazu, dass dem Leser die Aufgabe gegeben wird, selbstständig Bruchstücke zu nutzen und besonders feinfühlig solche zu Persönlichkeiten zusammenzusetzen. Die Charaktere halte ich somit absolut nicht für flach oder seelenlos. Sie sind, was der Leser aus ihnen macht, so wie die Grausamkeit der Show mit dem Namen Konzentration ist, was das Publikum von der Show verlangt (wenn auch zum Teil unbewusst).

Zugegebenermaßen entspricht dieses Werk der Autorin, vermutlich weniger als ihre anderen Arbeiten, nicht unbedingt den Lesebedürfnissen der breiten Masse. Viele Leser sind, verständlicherweise, denkfaul. Sie wollen ein gemachtes Nest mit ausgereiften Figuren. Schließlich sind sie die Konsumenten, nicht selber die Autoren. Gerade auch weil es sich um ein seitenarmes Buch handelt, erwartet der Leser nicht wirklich, sein eigenes schöpferisches Talent nutzen zu müssen. 

Nothomb hätte locker drei- bis vierhundert Seiten Reality-Show schreiben können. Wie der Titel aber schon sagt, ist die Handlung so realitätsnah, sind die Charaktere so typisch, dass nur die Zutatenliste erforderlich ist, um zu wissen, wie der Eintopf gekocht werden muss. Es ist nicht erforderlich, zu erklären, dass es sich um diese spezielle Art von Eintopf handelt, die man eigentlich zu jeder Gelegenheit servieren kann.

Wenn man meint, die Unglaubwürdigkeit dieses raffinierten Werkes beweisen zu können, muss man vor idiotischen Fernsehsendungen wie Promi-Big-Brother die Schweinsäuglein verschließen. Dazu kommt, dass sogar eine Utopia-Show geplant ist. Man nutzt die Natur willenloser und geldhungriger Menschen, um aus ihnen Versuchskaninchen für die eigenen unglaublichen Experimente zu machen. Solange es Zuschauer gibt, gibt es auch Freiwillige, die sich erniedrigen lassen. 
Solange es Zuschauer gibt, ist die Art dieser Erniedrigung ein Spiegel unserer Gesellschaft.

*  *  *
Erschienen: im August 2009
Verlag und Bildquelle: Diogenes
Seiten: 176 (Hardcover)
ISBN: 978-3-257-23943-0
Preis: 8,90€ [D]

Freitag, 18. April 2014

Über den Aufstieg eines Untergebenen

Heinrich Mann: Der Untertan



Diederich Heßling, als Kind von seinem Vater geschlagen, wächst zu einem stattlichen Mann heran, der den verehrt, welcher ihm Überlegenheit zeigt. Alle anderen tritt er, auch wenn sie bereits am Boden liegen. Diederich wechselt ständig zwischen Feigheit und Übermut; wäre er ein Teenie heutiger Zeit, würde ein lebensgroßes Plakat Wilhelms II über seinem Bett hängen, mit Textmarkerherzchen verziert. 

Ein anspruchsvoller Roman, nicht nur über die Zeit des deutschen Kaiserreichs, sondern über die verachtungswürdigen Gesichter des Menschen. Erstaunlich, dass er einen Monat vor Beginn des Ersten Weltkriegs fertiggestellt wurde.

Dem Höheren zu gehorchen, stellt sich als schweres Unterfangen heraus, ist das Höhere auch nur ein Mensch. Der Konflikt in Diederich, dem ein Untertan zu sein, der auch Schwächen zeigt, ist beinahe amüsant zu beobachten. 
Heinrich mit Thomas zu vergleichen, ist gemein, trotzdem lässt sich ein kleiner Vergleich hier gut einbringen. Die Fülle an Details, wie man sie beispielsweise bei Szeneriebeschreibungen der Buddenbrooks findet, fehlt beim Untertan. Der Fokus liegt hier an einer völlig anderen Stelle: Es geht nicht um einen äußerlichen wie innerlichen Verfall, sondern um einen Typen, wie er überall und jederzeit anzutreffen ist. Allgemeingültigkeit und politische Atmosphäre sind wichtig. 

Manns ironischer Humor ist allgegenwärtig. Man soll sich vor Diederich nicht fürchten und sich nicht gänzlich vor im ekeln. Was beim Lesen empfunden wird, ist eine Mischung aus Fremdschämen, Wut und Komik. Mir tut er eher leid, als dass ich ihm die Pest an den Hals wünsche. Besonders brachte mich zum Schmunzeln, wie Diederich auch äußerlich eine Imitation Wilhelms II angestrebt hat - ein Schnäuzer, der zu beiden Seiten spitz nach oben in Richtung Augen läuft. Von Diederichs Begegnungen mit dem weiblichen Geschlecht will ich gar nicht erst anfangen.
Nichts bleibt von dem seltsamen Protagonisten. Man kann sich erdenken, wie er aussieht, Uniform und Wilhelmsschnäuzer. Doch das Gesicht hinter der Fassade bleibt ein verwischtes Bild. Erst nach dem Lesen fällt mir das auf und es wirkt umso erstaunlicher, mit welchem Geschick und welcher Intention Heinrich Mann seine Figuren gestaltet hat.

Trotz allem bleibt ein Makel an der Konstruktion, der es mir hier und da schwer machte, zwischen schnell hintereinander folgenden Szenen nicht den Kopf zu verlieren. Ob es sich tatsächlich um einen ungewollten Schönheitsfleck handelt, sei dahingestellt. Auf diese Art und Weise erscheint die Gesamthandlung wie im Licht eines Theaterstückes. Man liest wie durch eine semipermeable Membran, Gedankenfetzen, die Diederichs Innerstes zeigen, wirken wie Messerstiche. 

Bis zum bitteren Ende ein erstaunlich durchgeplanter, bemerkenswert amüsanter und zugleich kaltherziger Roman - die perfekte Satire einer Gesellschaft, wie es sie nicht nur zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gab.

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Heinrich Mann, Der Untertan
Erstmals veröffentlicht: 1914
Vorliegende Ausgabe erschienen am: 1.10.2012
Seiten: 448 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-596-90026-8
Preis: 9,00 € [D]
Verlag: Fischer Klassik
(Bildquelle: Fischer)
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Luiz Heinrich Mann (1871-1950) wurde in Lübeck geboren und stand stets im literarischen Schatten seines berühmten Bruders Thomas. Da er sehr früh zur Demokratie tendierte, war ein Leben und Schaffen im nationalsozialistischen Deutschland nicht möglich. Viele Werke und antifaschistische Arbeiten entstanden im Exil. Der Untertan ist das Resultat seiner genauen Analyse der Gesellschaft des Wilhelminismus. Der Roman gehört zu Manns Kaiserreich-Trilogie und ist der erfolgreichste derselben. Das Leben des Autors wurde durch zahlreiche Suizide geliebter Personen erschüttert.
Heinrich Mann wurde übrigens von Nietzsche inspiriert, dessen Werke ich jedem ans Herz legen möchte. 

(weitere Informationen unter www.mann-heinrich.de)
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Freitag, 28. März 2014

Erst peitscht er uns ins Gesicht.

João Ricardo Pedro: Wohin der Wind uns weht





Sind diese Erinnerungen Teil dessen, was Duarte ausmacht, oder sind sie beinahe zusammenhanglos, das betreffend, was wir über den hochtalentierten Jungen erfahren? Denn auch wenn er Zeuge ist, selbst wenn er derjenige ist, der erlebt: wie in einem Traum, manchmal fast kompliziert und immer verworren ist der Film im Kopf des Lesers. Es geht um die Widrigkeiten des Lebens, und selbst diese können ein zweites Gesicht haben, voll Schönheit.

Außergewöhnlich und inspirierend!

Ein düsteres Portugal erlebt der Leser in diesem Roman.  Menschen, vom Schicksal und der Zeit gepeinigt. So bleiben sie uns fremd und ihre Gedanken nur schwer nachvollziehbar. Sie sind wie heimsuchende Geister. Die Atmosphäre, die wie durchgängiges Grau mit Regenfall ist, durchgängig beschlagene Sicht, wirkt absichtlich ungemütlich. Wir wollen einfach nicht an der Seite der Figuren sein, mit ihnen leiden, mit ihnen erleben. Wir wollen möglichst das Bewusstsein über den gemütlichen Sessel behalten, in dem wir selbst beim Schmökern sitzen.

Viele Puzzleteile, zwischen denen man irgendwann hoffnungsvoll denkt, eine Verbindung zu finden. Und diese dann hoffnungslos wieder verliert. Man schmunzelt, umso häufiger aber grübelt man, wird erdrückt von Traurigem, Erschreckendem. Mir ergeht es mit diesem Roman ein wenig wie mit meinem Verständnis von Freud: Seine Genialität wie die des Autors sind allgegenwärtig, aber der häufige Fokus auf Sexualtriebe lässt mich trotzdem die Stirn runzeln.

Ich kann mir gut vorstellen, dass zu ausreichendem Verständnis mindestens ein zweites Lesen vorgenommen werden sollte, und wenn meine Meinung zu diesem (auf eine Art experimentellen) Werk nicht fundiert genug ist, dann sicher, weil ich es nur einmal gelesen habe. Trotzdem konnte auch ich den Roman genießen, denn der Schreibstil ist so flüssig, dass er in krassem Kontrast zu dem facettenreichen, manchmal gar komplizierten Inhalt steht. 

Man sollte beim Lesen wie im Leben auch nach Herausforderung suchen. Für viele Leser kann Wohin der Wind uns weht zu einer solchen werden. Wenn nicht, bleibt es trotzdem ein aufwühlender, hervorragender Roman. 
  Ich persönlich werde noch länger über ihn grübeln, mir mehr Klarheit über die (im Geschichtsunterricht allgemein vernachlässigte) politische Vergangenheit Portugals schaffen. Vielleicht selbst ähnliche schreiberische Experimente wagen wie der preisgekrönte Autor. 

Zusammenfassend muss verdeutlicht werden, wie außergewöhnlich diese Geschichte ist und was für einen Wiedererkennungswert ich Pedro zutraue (mein Mops heißt übrigens auch Pedro, aber das tut nichts zur Sache - wobei der auch großen Wiedererkennungswert hat!). Außerdem kann ich mir vorstellen, dass er mit weiteren Projekten sogar noch qualitativ einiges drauflegen könnte.
Wirklich lesenswert und inspirativ, wenn man einer Herausforderung nicht abgeneigt ist und nicht nur hundertprozentige Unterhaltung sucht, sondern auch einen Anreiz zum Grübeln.


*  *  *


(Quelle: Suhrkamp)

Samstag, 15. März 2014

Ein Bussi für Bussi - aber nur auf die Wange.

Michel Bussi: Das Mädchen mit den blauen Augen




1980. Einen furchtbaren Flugzeugabsturz überlebt nur ein kleines Baby. Um wessen Kind handelt es sich? Zwei  französische Großelternparteien, eine sehr reiche, eine eher mittellose, kämpfen um Lylie. Privatdetektiv Crédule Grand-Duc wird angeheuert, und er sucht 18 Jahre lang nach dem endgültigen Beweis einer Verwandschaft. 1998. Ist dieser Beweis erbracht? Was hat es mit Grand-Ducs Selbstmord auf sich? Was hat Lylie, nachdem sie dessen Unterlagen las, zur Flucht getrieben? Zur Flucht wohin?
Verwirrung kann spannend sein, Verwirrung kann nerven. Der Roman des Bestsellerautors vereint beides: Stirnrunzeln und Schnappatmung, durch Sinnlosigkeit und Spannung hervorgerufen. Ist das sein Erfolgsrezept?

Klar wie Kloßbrühe ist, dass man diese originelle Geschichte nicht so schnell aus der Hand legen will. Perspektivwechsel und Rätsel, die es zu lösen gilt, nagen im Hinterkopf. Wie passt alles zusammen? Unglaublich, dass es Bussi bei dieser Verstrickung von Verrücktheiten noch gelingt, eine glaubhafte Lösung darzulegen. 
So viel sei gespoilert: Alle sind verrückt. Nichts ist, wie es scheint. Man misstraut allen irgendwann, und ob man Grund dazu hat, ergibt sich.

Die Figuren sind nicht immer so komplex, dass sie einem ans Herz wachsen würden. Es gibt jedoch welche, die aus dem Rahmen fallen, wobei mir jedoch spontan nur Malvina einfällt. Sie glaubt, Lylies Schwester zu sein und ist äußerlich sowie vom Verhalten ungewöhnlich. Psychisch krank, aber liebenswert. 

Die Hauptpersonen sind dagegen eher flach und irgendwie seelenlos.

Es ist kein schlechter Roman. Er hat was, und das macht einige Fehler wett. Der Schreibstil ist mir beispielsweise zu anspruchslos und steht im krassen Kontrast zu manchem Inhalt und mancher Wortwahl. Sprachlich gelingt dem Autor kein Kunststück, was vielleicht zu einem Teil, aber niemals gänzlich an der Übersetzung liegen kann. Und doch erreicht er so einen flüssigen Stil, der einem ein kurzes, aber dynamisches Leseerlebnis beschert. 

Fazit: Eine sehr originelle und spannende, aber auch auf seltsame Weise lieblose Geschichte.


(Quelle: Aufbau)

Sonntag, 9. März 2014

Wann hat Dings Geburtstag?

Julie Cohen: All unsere Träume




Claire und Ben wären das Traumpaar schlechthin. Wäre da nicht dieser verdammte Kinderwunsch. Claires Eizellen sind zu einer Befruchtung leider vollkommen unbrauchbar. Einige Jahre probieren sie alle Möglichkeiten durch, wie sie doch schwanger werden könnte - vergebens. Claire reicht es. Ben jedoch will seine Hoffnung nicht aufgeben. Da hat seine beste Freundin Romily die folgenschwere (Schnaps-)Idee, als Leihmutter für die beiden zu fungieren. Einerseits will sie ihre Freunde glücklich machen, andererseits jedoch würde sie aus Liebe zu Ben alles tun. Wünscht sie womöglich, am Ende ihn und sein Baby ganz und gar für sich zu gewinnen?

Julie Cohens zweiter in diesem Verlag erschienener Roman ist etwas für Frauen. Von Frau, für Frau sozusagen. Das wird mit jeder Faser des dünnen Papiers deutlich, auf dem diese bezaubernde Geschichte gedruckt ist.

Die beiden Frauenfiguren wirken gegenüber den nur hintergründlich agierenden Männerfiguren wie Königinnen gegenüber Hofnarren. Sie sind ausgeprägte, realistische, nachvollziehbare und bewundernswerte Charaktere. Jede für sich individuell und stark. Besonders ans Herz gewachsen ist mir Insektenforscherin Romily, weil sie mich an mich selbst erinnert. Nicht, was die Leihmutterschaftssache betrifft oder die missglückte Liebe, da ist sie ganz eigen mit ihrem Schicksal. Ihre Art ist einfach so erfrischend, wobei ihre Tollpatschigkeit eine tragende Rolle spielt. Ich sollte mir ein wenig von der Erfrischung abkupfern, Tollpatschigkeit habe ich genug. 

Auch, wer sich (wie im Grunde ich selbst) nicht sonderlich für Geburten interessiert, wird seine Freude an dem Roman haben. Außer, man ist ein Mann. Aber an dem Punkt war ich eigentlich vorbei.
Wobei, Männer könnte der Roman natürlich auch gefallen. Wie auch immer.

Ich bin noch ein bisschen weit weg von dem Drang, eine Familie zu gründen. Aber er wird von Cohen außerordentlich nachvollziehbar dargestellt, sodass man sich selbst gut vorstellen kann, eines Tages so zu fühlen wie beispielsweise Claire. 

Der Roman ist voll überquellender Liebe, aber nicht so sehr, dass man davon kotzen möchte. Es gibt nicht ausschließlich Harmonie, denn er ist auch voll Verwirrung und widersprüchlicher Gefühle. Verzweiflung wird ebenso glaubhaft dargestellt wie die verschiedenen Perspektiven. Man merkt, dass sehr viel von tatsächlichen Frauenschicksalen und -erfahrungen übernommen wurde, komprimiert wurde. Auch das macht die Authentizität dieses Romans aus.

Der Schreibstil ist überhaupt nicht kitschig. Man wird durch stimmige Szenen, von einem sanften Humor getragen, von zauberhafter, aber auch verzweifelter Realität. 

Fazit: Ein bezaubernder Frauenroman, in welchem die Liebe ganz und gar ansteckend ist.

(Quelle: randomhouse)

Freitag, 7. Februar 2014

Fieses Magma

David Safier: Mieses Karma




Mieses Karma zu sammeln, kann man echt bereuen, findet auch Moderatorin Kim Lange heraus. Nachdem sie von den Trümmern einer Raumstation erschlagen wird, findet sie sich als Ameise in einem Erdloch wieder. Wird sie ihrer Familie je wieder nah sein können? Wird sie sie je wieder beeinflussen können? Kim braucht gutes Karma. Sofort!


David Safiers erster Roman ist ein Muss. Ein Muss! Gegrinst habe ich durchgängig, häufig auch laut aufgelacht. Wer kennt es nicht, dass man einfach einmal Lust hat, sich zu entspannen und zu erheitern - und nicht auf zu Anspruchsvolles? Anstatt zur Flasche zu greifen, reicht es schon aus, Safier zu lesen.


Es dauert nicht lang, bis man durch ist, weil der Schreibstil flüssig und voll von natürlichem Humor sowie schöner Situationskomik ist. Urkomisch wirken auch die Fußnoten zu den Erinnerungen einer weiteren, jedoch weitaus berühmteren Ameise (wenn auch nicht als Ameise berühmt) : Giacomo Casanova.
Man kann sich total hineinfallen lassen, denn auch an origineller Fantasie mangelt es nicht - dafür mangelt es jedoch an komplizierten, überlangen Sätzen. So, wie es eben sein muss. 



Immer, wenn es um Karma geht, macht man sich doch automatisch Gedanken über das eigene Leben. Auch, wenn man nicht an Wiedergeburt glaubt, kann es nicht schaden, über Moral nachzudenken. Als was würde ich wiedergeboren werden? Ich könnte mir vorstellen, als Opossum. Warum? Keine Ahnung; mir gefällt das Wort. Wie auch immer!

Mieses Karma las ich, nachdem mich Safiers Roman Plötzlich Shakespeare überzeugen konnte, und es enttäuschte mich ebenso wenig.

Wer jedoch ein zorniger Gegner des Kitsch ist, sollte vielleicht doch die Hände von diesem erheiternden Roman lassen.

Fazit: Manchmal muss Lesen einfach Zeitvertreib sein!

(Quelle: Rowohlt)

Montag, 3. Februar 2014

Als Gott den ersten Menschen schuf, er sich den Adam wafflig buk. (mit Sahne und Sauerkirschen)

Michael Grant / Katherine Applegate : Eve & Adam



Nachdem Eve durch einen Unfall förmlich zerstückelt und in Einzelteilen auf einem Krankenbett liegt, weiß sie noch nicht, dass ihr Heilungsprozess sehr von der Norm abweichen wird. Und sie weiß auch nicht, was hinter den Milliarden ihrer Mutter wirklich steckt. Die Fragen, die sie sich stellt, sind folgende: Wie stelle ich mir den perfekten Mann vor? Und wie übertrage ich diesen auf die neue Software, um Gott zu spielen, und ihn zu erschaffen?


Ich muss ja zugeben, dass ich ein kleiner Bio-Freak bin. Kein Genie, aber versessen. Also finde ich die Thematik, mit der in Eve & Adam umgegangen wird, hochinteressant. Gentechnik, Klonen, illegale Tests. 


Wie weit darf Forschung gehen? Heiligt der Zweck die Mittel? Wie nobel ist der Wunsch nach Rache? Wie nobel ist Perfektionismus?


Solche und natürlich noch viele weiteren Fragen wird der Hobbyphilosoph sich stellen. Und nicht nur der. Es handelt sich um einen dystopischen Jugendroman, der dermaßen flüssig geschrieben ist, dass auch desinteressierte Dummköpfchen auf philosophische Ideen kommen können. Viele meinen, es handle sich nicht um eine Dystopie: doch! Tut es. Dystopisch sind nicht nur durchgestylte fiktive Gesellschaften, auch wenn die in letzter Zeit so in sind. Besonders im Jugendbuch-Genre. Das nervt mich ja so, was hier aber nicht hingehört (trotzdem - immer diese Modeerscheinungen). Dystopisch, das bezeichnet auch, seine eigene Gesellschaft und Zeit zu hinterfragen. Wie viel Dystopie steckt in der Welt um mich herum? 

Auf dem Cover prangt ein Mädchenkopf, ein ausgesprochen perfektes Gesicht, das digital bearbeitet zu werden scheint. Das passt weniger zur Handlung, weil hier ein Mann erschaffen werden soll, der perfekt ist. Das Cover gewinnt jedoch Sympathie durch den semitransparenten Schutzumschlag, der sehr effektvoll ist. Jedoch trägt das nicht zur Bewertung bei. 

Das Autorenpaar hat ein kurzweiliges Leseabenteuer kreiert, das so kurzweilig ist, dass man sich teilweise wie in einem Lichtgeschwingkeits-ICE fühlt. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, aber meine schon. Von daher kann ich Eve & Adam wärmstens empfehlen. Wer jedoch darauf aus ist, etliche Details, bis in den kleinsten Pups ausgebaute Morallehren und ausgeklügelteste psychische Strukturen zu erleben, sollte die Finger davon lassen. Vor allem auch, weil man für das Geld nur wirklich wenige, kurze Lesestunden bekäme.


Fazit: Ein nicht ganz perfekter, aber interessanter Roman mit flüssigem Schreibstil und spannender Thematik.

(Quelle: Ravensburger)

Samstag, 1. Februar 2014

Da braucht man nicht argwöhnisch zu sein!

Jenk Saborowski: Argwohn



Paul Regen, der übrigens Regen hasst, steht kurz vor seinem Karriere-Aus als Hauptkommissar. Ein einzelner Arm, in Formalin getränkt, könnte seine letzte Chance sein. Zur selben Zeit findet ein Anschlag auf das geheime ECSB-Gebäude statt, bei dem einige Agenten getötet werden. Solveigh Lang macht sich mit ihren engsten Kollegen auf die Suche nach dem Verräter und findet sich tief im Sumpf organisierten Verbrechens wieder. Und fern, in einem Dorf Moldawiens, träumen die Freundinnen Ioana und Lila von dem Glanz Europas ...

In Saborowskis dritten Werk vereinen sich schreiberisches Talent und gezielte, solide Spannung. 
Der Titel verrät nichts. Da es sich um einen Thriller handelt, ist man diese Einwort-Titel schon gewohnt. Argwohn. Das könnte auch der Universaltitel der meisten Thriller sein - und doch hat er was!


Amüsante Wortspiele, die jedoch nie albern wirken, Charaktere, die durchdacht sind, Szenerien, die glaubwürdig sind. Perspektivwechsel, die die Spannung erhöhen und für Abwechslung sorgen, wobei man niemals Probleme hat, sich zu erinnern, wer denn gerade dran ist. Ein Psychopath, der auf einer grausamen Mission ist. Was will man mehr von einem Thriller?

Bei einem so soliden Buch weiß ich nie viel zu schreiben. Mir fallen kaum Kritikpunkte ein. Und was an einem Thriller gut ist, hat er meist mit jedem anderen guten Thriller gemein. Argwohn beschert spannende Lesestunden, wird mir aber nicht allzu lange im Gedächtnis bleiben. Außer vielleicht, wenn ich an Bücher denke, die in meiner Heimatstadt Dortmund spielen. Das hatte ich, glaube ich jedenfalls, noch nie. 

Ich kann hier eine eindeutige Empfehlung aussprechen, an jeden, der einen soliden (Agenten-)Thriller oder Krimi sucht! Vor allem, weil die Themen sehr aktuell sind und dem Leser gut näher gebracht werden. Abgesehen von dem, was man in den Nachrichten so hört.


Fazit: Ein gelungenes Werk, das sich zu lesen lohnt!



(Quelle: Piper)

Mittwoch, 1. Januar 2014

Krimiüberraschung!

Ralf Kurz: Tödlicher Triumph



In seinem dritten Fall jagt Kriminalkommissar Bussard einen Serienmörder, der das Grauen wie ein Spiel inszeniert. Man ist sich sicher über die Identität des Mörders, doch dieser ist höchstens so greifbar wie Luft. Und seine Taten werden immer schrecklicher.


Ich hätte mir diesen Roman vermutlich nicht in der Buchhandlung ausgesucht, wenn ich ihn nicht gewonnen hätte. Und das wäre wirklich traurig gewesen! Der Einband fühlt sich zart und matt an, was mir persönlich sehr gefällt. Das Cover hat zwar eine Art Independent-Charme mit der Powerpoint-Schrift und der ganzen Bildkomposition, aber der Klappentext wirkt irgendwie nichtssagend. Man darf mich nicht falsch verstehen, denn ich mag ja, wenn nicht zu viel verraten wird und meine das auch gar nicht. Man garantiert jedoch "Hochspannung von der ersten bis zur letzten Seite", was wiederum nicht so nervig wäre, wenn man sich nicht die anderen Empfehlungen im Anhang des Buches anschauen würde. Es gibt insgesamt sieben Buchempfehlungen, und bei dreien findet sich derselbe schnöde Werbespruch von wegen Spannung von der ersten bis zur letzten Seite. Hier also ein Tipp an den Verlag: Wie wäre es mit mehr Einfallsreichtum als Vorsatz für das Jahr 2014?

Ich will damit sagen, dass dieser Krimi als wirklich guter, wirklich spannender, gänsehautversprechender Roman auch ein entsprechendes Drumherum verdient hätte. Ich glaube jedoch, dass er das nicht unbedingt nötig hat, weil Tödlicher Triumph zumindest auf lovelybooks.de in aller Munde zu sein scheint. Und das mit einem überraschend positivem Ergebnis von nahezu voller Punktzahl (jedenfalls, als ich das letzte Mal hinsah).


Man wird direkt ins berühmt-berüchtigte kalte Wasser geworfen. Mag sein, dass man dadurch erst seine Zeit braucht, sich warm zu lesen. Ich selbst konnte erst ab etwa einem Drittel des Romans verschiedene Kollegen Bussards auseinander halten. Aber die sind ja auch nicht so wichtig wie er selbst. Er ist ... speziell. Man meint, den Autor in ihm erkennen zu können, jedenfalls die fast poetisch niedergeschriebene Faszination der Musik gegenüber. Bussard kann ein kaltblütiger Jäger böser Jungs sein. Doch mit seiner bodenständigen Art trägt er zumeist den weichen Kern spazieren. Er ist Kumpeltyp, Familienmensch und doch einsamer Wolf. Oder Vogel. Wie ein Bussard, der einsam durch die Lüfte segelt, um plötzlich mit erstaunlicher Präzision eine winzige Maus im Gestrüpp zu schnappen, mit Erfolg. Sein Name kleidet ihn perfekt. Fast schon zu perfekt.

Im Gegensatz zu gewissen "Thrillern", die einen eher gähnen als die Zähne klappern lassen, lässt dieser Roman einen zwischenzeitlich zittern. Die Nackenhaare sträuben sich. Und was die Schauderschublade sonst noch so hergibt. 
Kurz beschreibt Tatorte so detailliert, als würde er neben der Leiche im Wohnzimmer stehen. Man will möglicherweise nicht unbedingt, aber man kann nicht anders, als sich selber ebenso zu fühlen. Mit Kurz, Bussard und der Leiche im Wohnzimmer. Kein sonderlich romantisches Date. Ist ja auch keine Liebeskomödie.

Fazit: Ein nahezu perfekter Krimi. Mein erstes Highlight des Jahres.



Es gibt übrigens ein Werbevideo für den Roman ( *klick*) . Macht euch selbst ein Bild davon, ich finde es irgendwie 08/15. Es wird ein wenig aus dem Prolog vorgelesen, was ziemlich befremdlich klingt. Die Qualität ist nicht so super, aber ich schätze, der Gedanke zählt. Ob das für die Erwartungen an den Roman förderlich ist, sei dahingestellt. 

Hier geht es zur LovelyBooks-Leserunde. Wie gesagt fällt die Kritik zu Tödlicher Triumph sehr positiv aus.

Den Roman findet ihr auf der Seite des Wellhöfer-Verlags. 
Die beiden anderen Bussard-Fälle sind ebenfalls im Wellhöfer-Verlag erschienen:



Klicks auf die Links führen zur Website von Ralf Kurz, wo man auch Leseproben zu seinen Romanen findet.

(Bildquelle: amazon)

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Ergänzung vom 2.01.2014: Herr Kurz hat mir erklärt, der Klappentext stamme aus eigener Feder. Ups, hätte ich das gewusst ... 
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P.S.: Netterweise erfüllt der Roman mehrere Anforderungen der Lese-Challenge, an der ich teilnehme. Ich habe mich dazu entschlossen, ihn bei Punkt Nr. 20 zu verlinken. Bussard ist etwa 40 und somit mehr als 10 Jahre älter als ich.

Donnerstag, 26. Dezember 2013

Ohne Worte

Hannah Harrington: Speechless [sprachlos]



Jeder weiß: Chelsea Knot ist ein Tratschmaul. Oberkellnerin der Gerüchteküche. Sie kann einfach ihren Mund nicht halten. Eines Nachts hat diese Eigenschaft fürchterliche Konsequenzen, und Chelsea beschließt, etwas zu ändern. Inspiriert von einem Artikel im National Geographic stellt sie sich vor eine für sie unfassbar anspruchsvolle Aufgabe: sie legt ein Schweigegelübde ab.

Hannah Harrington hat mir mit diesem Roman ein paar wundervolle Stunden bereitet. Allein mit den Fingern über das Cover zu streichen ist ein Genuss! Mich fasziniert die schlichte Eleganz der Aufmachung, dieses amerikanisch anmutende Buchrücken-Design, das ganze Drumherum eben. Nachdem ich die Rezension geschrieben habe, kommt es endlich in mein Regal und wird es allein durch seine Anwesenheit dermaßen aufhübschen, dass ich mich schon darauf freue.
Beim Lesen hatte ich jedoch immer einen Kugelschreiber in der Nähe, mit welchem ich manche Rechtschreibfehler korrigiert habe, weil ich es nicht mehr aushielt. Klar kann man mich neurotisch nennen, aber ich kann es einfach nicht haben, wenn zum Beispiel "ihn" mit "in" verwechselt wird - das sind so Flüchtigkeitsfehler, die passieren können, wenn man sich etwas nicht noch einmal durchliest, aber in einem so schönen und mühevoll gestalteten Roman darf das nicht sein, finde ich. Weil ich mir den Satz dann nämlich tausendmal durchlesen muss. Als hätte sich ein kleiner Kobold zwischen den Lettern versteckt.


In den ersten paar Minuten war ich leicht enttäuscht. Chelsea und ihre Freundinnen waren mir zuwider, der Schreibstil war mir zu oberflächlich, das Ganze schien mir "auf Jugendbuch gemacht". Das heißt, ich sah schon alle möglichen Ami-Jugendbuch-High-School-Klischees chronologisch nacheinander auftauchen. Ob gewollt oder nicht, diese Eigenschaft des Romans hat einen förderlichen Effekt: Die haushohe Erwartungshaltung wurde gedämmt, um sie später nur umso stärker zu übertreffen. 

Ich finde es übrigens spannend, wie weit die Meinungen über Jugendbuch-Klischees bei den Leserunden auseinandergehen. Anscheinend finden Leser fern des Jugendalters Klischees weniger nervtötend als Leser, die wirklich Jugendliche sind (also ich). Man fühlt sich vielleicht als Teenager einfach in eine Schublade gesteckt, was älteren Bücherwürmern nicht passieren kann. Vielleicht wollen sie auch in diese Schublade gesteckt werden, um sich daran zu erinnern, wie sich das Leben als Jugendlicher angefühlt hat. Ach, ich weiß auch nicht! Ich kann ja nicht in die Köpfe der anderen Teilnehmer hineinspähen, selbst wenn ich manchmal so tue, als könnte ich es.


Kommen wir jedoch zurück zum Schreibstil und dessen Veränderung.
Das ist das Interessante an Speechless: Der Beginn ist oberflächlich und abgedroschen, so wie Chelsea, weil sie wie ihre Freundin Kristen ist, die man einfach nicht mögen kann. Dann wundert man sich über die Protagonistin, weil sie doch speziell zu sein scheint. Doch ein eigenständiger Mensch. Und man wird mitgerissen von der Sympathie ihrer neuen Freunde, die wirklich toll sind. Man wird auch mitgerissen von dem Hass, der ihr entgegenschlägt. Von der Wut auf die, die dafür verantwortlich sind. Und obwohl man vieles vorhersehen kann, kann man sich dem Ganzen nicht entreißen. Ich habe mir das Ende sehr spektakulär vorgestellt, wusste aber selber nicht, wie Harrington das hätte bewerkstelligen können. Mir hat es trotzdem sehr gefallen und ich habe dem Cover sogar einen Kuss gegeben, nachdem ich das Buch letztlich zugeschlagen habe. Das mache ich nur selten. Und es klingt in meinen Ohren irgendwie freakiger, als ich es eigentlich meine.


Dieses Werk ist wie eine Rebellion gegen diese schrecklichen Teenies, die anderen das Leben zur Hölle machen, weil sie meinen, sie wären besser. Diese Menschen gibt es überall, nicht nur in Amerika. Eigentlich sind sie immer bloß lächerlich, aber oft auch grausam. Man kann eigentlich nur den Kopf über sie schütteln, aber was, wenn man irgendwie in diese Gruppe hineinwächst? Wie ein gutartiger Tumor in einem bösartigen Organismus?
Was darf man von sich selbst preisgeben? Welche Meinung darf man selbst vertreten? Wem darf man trauen? Was ist wirklich wichtig im Leben? Und zu guter Letzt, die typische Frage werdender Erwachsener: Wer bin ich eigentlich selbst? 

Dieser Roman könnte einigen Kindern einiges beibringen. Da bin ich mir sehr sicher! Ich würde es deshalb auch als Unterrichtslektüre etwa im 8. Schuljahr empfehlen.


Fazit: Ein überraschend kitschloser Roman, der exemplarisch darstellt, dass es möglich ist, zu sich selbst zu finden. Egal, wie alt man ist.


Die Leserunde zu Speechless, an der ich teilgenommen habe, findet ihr hier.

(Quelle: MIRA-Taschenbuch)