Kammern des Schreckens

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Samstag, 20. September 2014

Papier, das nach Erzählfreude duftet.

Alice Munro
Tanz der seligen Geister
Erzählungen


Irgendwann zwischen 1930 und 1950. Wann genau, ist doch egal. Im Grunde ist auch egal, wo genau (wenn man mal davon absieht, dass Hintergründe aus jener Zeit erzählungsspezifisch relevant sein könnten). Fünfzehn Erzählungen handeln davon, erwachsen zu werden und Selbstständigkeit zu erlangen, hinter die Fassaden des täglichen Lebens zu schauen. In ihrer Heimat wurde die Autorin mit dieser ersten Kurzgeschichtensammlung berühmt, erst vor wenigen Jahren kam die deutsche Übersetzung daher. Einfach so.

Stile unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht, da steht das Geschlecht des Autors als Kriterium eher an einer hinteren Stelle.
 Bei Alice Munro, der letzten Literaturnobelpreisträgerin, macht es umso mehr aus. Jede Erzählung, auch wenn mal keine Frau Protagonistin ist, hat etwas umwerfend Feminines an sich. Womöglich ist es auch die grazile Feinheit, mit welcher jedes Wort an seinen optimalen Platz gerückt wurde. Oder ist es die noch lange nachhallende Stille im Anschluss an jede Handlung, beinahe wie der Vorwurf einer nachtragenden Erzählerin im Anschluss an ein klärendes Gespräch? Was das angeht, bin ich mir jedenfalls sicher: Man könnte einem eine ganz andere Geschichte vorlegen; nach wenigem Lesen weiß man genau, ob es sich um ein Munrosches Werk handelt.

Keine Action, kein Blutvergießen, kein großes Drama. Mit diesem Band hält man gewissermaßen eine Kostbarkeit in den Händen, einen Zeugen hoher, sehr, sehr hoher literarischer Kunst. Nietzsche hat mal etwas geschrieben. Also, eigentlich recht viel.
 Und ich kenne den genauen Wortlaut auch längst nicht mehr.
 Es ging um Schlichtes und Sensationelles, den Unterschied zwischen einem wahren Künstler und einem, der eigentlich gar nichts drauf hat - abgesehen von Zahnbelag vielleicht, aber der Witz ist veraltet und wirkungslos geworden. Ein Möchtegern braucht Sensationelles, Ungewöhnliches und vom Hocher Reißendes, denn nur dann gebührt seinem Schaffen eine Aufmerksamkeit: nur so betrachtet man überhaupt sein Werk. Ein wahrer Künstler ist aus dieser Phase bereits hinausgewachsen; ihm reicht der Blick auf die wesentlichen Dinge des Lebens, das Alltägliche. Daraus schafft er, was dem Möchtegern verwehrt bleibt. 

Alice Munro ist so ein Möchtegern. Reingelegt. Alice Munro ist eine wahre Künstlerin. Dass sie das einmal werden würde, ist schon in diesem Debütband, dessen Erzählungen erstmals 1968 zusammen erschienen sind, klar zu erkennen.
 Ich finde die Lektüre beinahe frustrierend, denn wie soll man jemals an ihre scheinbare Mühelosigkeit, ihre offene, widersprüchliche und doch vollkommen widerspruchslose Eleganz herankommen? Jede Geschichte ist federleicht und doch schwer genug, dass sie eines lauen Abends vom Himmel auf die trostlose Erde herabgeschwebt kam. So kommt es einem vor. Trotzdem hallt in ihnen das irdische Leben wider: Erwachsenwerden, Emanzipation, diffizile Verhältnisse, der eigene Stellenwert in Gesellschaft und Familie. Autobiografische Details (wie das Leben auf einer Fuchsfarm) garantieren eine ausnahmslos glaubhafte Szenerie.
 Was mich als Leser jedoch am meisten faszinierte, waren gar nicht mal die Erzählungen an sich. Hauptsächlich blieb mir hinterher die Liebe zu ihnen in Erinnerung, nach der die Buchseiten förmlich gerochen haben. Als gehörten sie alle zu einer großen Familie. 

*  *  *
Alice Munro; Tanz der seligen Geister.
Verlag und Bildquelle: S. Fischer Verlage
Seiten: 380 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-596-18875-8
Preis: 9,99€ [D]

Sonntag, 1. Dezember 2013

Tiefsinnige Unterhaltung - nicht nur für alte Hemingway-Hasen!


Ernest Hemingway: Neues vom Festland


Buchdeckel „Neues vom Festland“Ich lese nie gerne den Klappentext, bevor ich mit einem Buch anfange, aber bei Geschichtensammlungen macht das nichts, denn von dem Inhalt jeder Kurzgeschichte wird schon nichts verraten. „Neues vom Festland“, übrigens übernommen von einer Kurzgeschichte mit demselben Namen, wird hier als „kostbare Novität für deutsche Hemingway-Leser“ angepriesen. Man bezieht sich auf John Updike, der Hemingways Sprache „so rein […] wie die Luft der Morgendämmerung“ fand. Für Fans nichts Neues (vom Festland, kleiner Scherz).

Ich muss zugeben, dass ich Hemingway zwar mag, aber noch längst nicht genug von ihm gelesen habe, um eine richtige Expertenmeinung vom Stapel zu lassen.
Zu dem Inhalt lässt sich nicht leicht etwas sagen, denn es handelt sich hierbei um eine Sammlung bisher unveröffentlichter Kurzgeschichten und Szenen aus unvollendeten Romanen. Bei Hemingway ist es ja auch so, dass man eigentlich nichts verraten will. Man weiß ja auch beim Lesen erst wirklich am Ende, worum es eigentlich geht – und ob man das dann wirklich so genau weiß, ist wieder etwas Anderes. Wenn einen dann tatsächlich eine Geschichte nicht gefällt, kann man es ja immer noch mit der nächsten versuchen. Das halte ich aber für unwahrscheinlich.
Besonders gefallen hat mir die Kurzgeschichte „Eine Bahnfahrt“, die schon am scheinbar unscheinbaren Titel erkennen lässt, dass man sich auf Überraschungen gefasst machen sollte. Vater und Sohn sind auf Reisen und beobachten, mit wem sie Bahn fahren und was um sie herum geschieht. Ich verrate nichts weiter darüber.
Den meisten Raum besetzt (schönerweise) „Fremdes Land“, vier Kapitel eines unvollendeten Romans, welcher als Vorstudie zu dem erst 1970 veröffentlichten „Inseln im Strom“ gilt und von Hemingway gestrichen worden ist. Der Protagonist reist mit einer Frau und spiegelt den Autor in seinem Verhältnis zu solchen wieder, aber auch in seiner Liebe zu Autos und Natur und Alkohol. Man hat ein Gefühl von Heimatlosigkeit. Und man könnte daran verzweifeln, nicht genau zu wissen, warum und wohin und woher … Ist klar, was ich meine? Jedenfalls gibt es da ein besonders interessantes Gespräch zwischen Robert und seinem Gewissen, in welchem Robert meint: „Ich weiß, dass Gewissen in Kursivschrift reden, aber manchmal scheinst du mir in sehr fetter Fraktur zu sprechen.“ Solche Kleinigkeiten sind es, die das Lesen abwechslungsreich machen.
Wie es bei Hemingway wunderbarerweise so ist, ist es eigentlich ein Verbrechen, das Buch in einem Rutsch zu lesen. Nach jeder Kurzgeschichte und auch nach den unvollendeten Geschichten bleibt eine gewisse Leere in einem, die mit Nachdenken über das Gelesene gefüllt werden muss. Ich finde, das schuldet man ihnen. Und ich schulde meinem Freund was, weil er mir so ein tolles Buch geschenkt hat!
Zusammenfassend lässt sich mit feierlicher Miene sagen, dass ich mit diesem kleinen Buch tatsächlich eine Kostbarkeit in den Händen zu halten glaube. Wahre Hemingway-Experten mögen mich verspotten; wohl kaum kann ich mir das Recht herausnehmen, irgendwelche Strukturen so zu analysieren, dass ich Rückschlüsse zu dem Autor oder sonst etwas ziehen könnte. Aber bald! Ich für meinen Teil werde wohl öfter zu diesen Seiten greifen. Es lohnt sich, sie immer wieder zu lesen. Und bald werde ich Hemingway-Experte sein und diese Rezension lesen und mich selbst verspotten!

Fazit: Man braucht kein Experte zu sein, um sich mit diesem Band hervorragend und tiefsinnig zu unterhalten!

(Quelle: rowohlt)