Kammern des Schreckens

Dienstag, 21. Januar 2014

Versprich mir, dass du frei sein wirst!

Jorge Molist: Am Horizont die Freiheit





Llafranc, 1484: Als der zwölfjährige Joan miterlebt, wie seiner Fischerfamilie von Piraten Grausamkeiten angetan werden, verspricht er seinem sterbenden Vater, dass er für seine Freiheit kämpfen wird. Und so begleitet den talentierten Jungen der Wunsch nach Rache, wo er geht und steht. Wird ihm dieser Wunsch die Aussicht auf eine glückliche Liebe vereiteln?

Das sei vorweg gesagt: Der Roman ist ausschweifendes Lob nicht wert. Die überaus aufwendige Aufmachung schmeichelt Händen und Augen, der Inhalt ist jedoch eher durchschnittlich. Molist ist Bestsellerautor, der Roman sehr umfangreich recherchiert worden und sehr flüssig lesbar. "Wie seine amerikanischen Kollegen Ken Follett und Noah Gordon" (El Mundo) schreibt er jedoch nicht, wie ich finde. Es ist zwar Spannungsaufbau vorhanden, aber wirklich erreichen, oder gar mitreißen, kann mich diese Spannung kaum. 


Anfangs neigt Molist zu detaillierten Ausschweifungen, die das Lesen kurze Zeit langatmig machen konnten. Je näher es dem Ende zuging, desto rascher scheint Molist geschrieben, mit dem Thema abgeschlossen zu haben. Wem der Anfang gefällt, der kann mit dem Ende weniger anfangen, und umgekehrt. Ich persönlich mochte, dass die Handlung einem Kern zuzulaufen schien um sich danach von diesem zu entfernen. Mir gefiel auch, dass Joans Leben von Büchern und Schiffen bestimmt ist. Verständlicherweise liebe ich Bücher, und die Atmosphäre einer Buchhandlung seiner Zeit ist warm, gemütlich, familiär.  Und ich liebe auch das Meer, wer liebt es schon nicht? Joan wird durch diese gemeinsame Vorliebe beinahe sympathisch, wenn es nicht so vieles gäbe, worüber ich mich aufrege!



Immer wieder entwickeln sich Ansätze tiefer gehender, moralischer Betrachtung der Dinge. Trotzdem entwickelt Joan sich nur bis zu einem gewissen infantilen Punkt, an welchem er sich immer dieselben Fragen stellt, manchmal sogar vernünftige Antworten findet, sie aber nicht verinnerlichen kann. Er handelt nicht nach den Erkenntnissen, die er aus seiner Vergangenheit und seinen Gedanken zieht. Er handelt sehr triebhaft, sodass man aus heutiger Sicht (weil wir beispielsweise vom Kategorischen Imperativ Kants gehört haben) nicht allzu viel von seinem abstrakten Denken halten kann, beziehungsweise auch von ihm selbst. So wird auch die Romanze, die omnipräsent ist, dem Leser kaum nahe gehen. 

Ich halte Molist für einen guten Autor historischer Romane - unverschleiert ist der Charakter der Zeit, in dem die Handlung spielt, sind die Leute, die in dieser Leben. Aber ich halte ihn nicht für einen guten Erzähler von Liebesgeschichten, denn ich empfinde rein gar nichts. Ich finde, dass sich eine gute Romanze dadurch auszeichnet, dass mich jede Liebesbekundung berührt, und dass selbst das reine Wort Liebe Erhabenheit innehat. Außerdem geht es nicht, dass  man hofft, sie kämen nicht zusammen. Ging es dem Autor überhaupt darum, eine Liebesgeschichte berührend darzustellen? Dann hätte er den Fokus von ihr nehmen müssen. Denn mich hat sie nach einer Weile nur noch genervt.


Der Protagonist ist mir also hauptsächlich unsympathisch. Es gibt aber auch durchaus Charaktere, die interessant sind, solche, die es sogar tatsächlich gegeben hat. Das ist ein recht seltsamer, aber auch schöner Gedanke, dass diese Menschen, die im Kopf entstehen, wirklich einmal gelebt haben und durch diese Geschichte quasi unsterblich gemacht worden sind, wann immer jemand sie liest. Auch die Orte, die längst nicht mehr von derselben Armut und Inquisition befallen sind, entwachsen den Worten, und alles scheint so real. Das alte Spanien ist wunderschön und schrecklich zugleich. 
So ist es einem möglich, sich in den Roman fallen zu lassen, auch wenn einiges zu wünschen übrig lässt. Man muss einfach wissen, wo bei dem eigenen Lesevergnügen die Prioritäten liegen. Ich für meinen Teil bin froh, das Leseexemplar geschenkt bekommen zu haben, weil ich es sicherlich bereut hätte, 20 € für das Buch auszugeben.

Fazit: Eine sehr gute Darstellung der Zeit, wobei die Geschichte an sich einiges zu wünschen übrig lässt.

Hier geht es zur Leserunde auf LovelyBooks, an der ich sehr gern teilgenommen habe. 

(Quelle: Fischer)

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Btw - Versprich mir, dass du frei sein wirst ist der Originaltitel wörtlich übersetzt. Klingt das nicht viel schöner als Am Horizont die Freiheit

Hier geht es zu meinem Beitrag zu "Gemeinsam Lesen", in dem es auch um diesen Roman ging. Ich bin richtig überrascht, wie sehr sich meine Meinung geändert hat!

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Übrigens erfüllt dieser Roman die Anforderungen des 13. Punktes der LovelyBooks-Themenchallenge: Es hat einen Schutzumschlag. Juhu!